Samstag, 3. Oktober 2009

Das Internet ist

Alles.
(Noch) nicht alles.
Unsere Zukunft.
Zum Leitmedium der modernen Informations- und Wissensgesellschaft geworden.
Ein wesentlicher Katalysator der Digitalen Revolution.
Die größte Revolution.
Das Nervensystem des kollektiven Organismus des menschlichen Denkens.
Kein Ponyhof.
Für uns alle gefährlich.
Kaputt – bei South Park.
Ein rechtsfreier Raum.
Kein rechtsfreier Raum.
So etwas wunderschönes.
Nicht meine Welt.
Ein Ort der Jagd, der Ablichtung, der Durchleuchtung. Im schlimmsten Fall: ein Ort von Hinrichtungen, sexuellem Missbrauch, ein Ort für Fahnder und Datenschützer. Im harmloseren Fall: eine eskapistische Quatschwelt.
Die grösste Gefahr für die nationale Sicherheit.
Für die Reformer sehr wichtig.
Deshalb kein Massenmedium, weil es zu einer bestimmten Zeit unterschiedliche Kommunikationen zulässt.
Das Revier der Markenpiraten.
Auf den Hund gekommen.
Einfach ein Schritt in die Richtung, unsere wahre Verbindung mit jedem zu erlangen.
Ein Erfolgsfaktor.
Böse.
Nicht böse.
Der wahre Klimakiller.
Meiner Meinung nach nicht die schlimmste Ursache des Klimawandels.
Inzwischen das wichtigste Informationsmedium beim Kauf von Consumer Electronics.
Ein zentraler Ratgeber in Gesundheitsfragen.
Ein Dschungel.
Ein Elefant.
Ein Spiegel der Gesellschaft.
Eine große Kommune.
Ein Misthaufen.
An allem schuld.
Heute so etwas wie die universelle Plattform des heiligen Krieges gegen die westliche Welt. Es ist Kommunikationsmedium, Werbeträger, Fernuniversität, Trainingscamp und Think Tank der Islamisten zugleich.
Das A und O.
Billig, schnell und sauber. Wir lieben es.
(Fast) überall.
Nicht mehr die Kür eines Wahlkampfes, es ist die Pflicht!
Nicht menschlich.
Durchgeschmort.
Voll!
Entertainer.
Wichtiger als Zeitschriften, TV & Co.
Die beste Erfindung überhaupt. Ohne ein verstümmelndes „seit“.
Für den Menschen da und nicht umgekehrt.
Einfach eine schöne Möglichkeit für uns, Präsenz zu zeigen.
Urlaubsreif.
Grün.
Unser Zukunftsmarkt.
Nur ein neuer Vertriebskanal.
Ein Pornoparadies.
Eine Gefahrenquelle und bedroht nicht nur die Seelen deutscher Kinder, sondern auch den Qualitätsjournalismus.
Ein noch junges Medium.
Geschichte.

Montag, 21. September 2009

Sexy Humanismus

Das einzig gescheite Ziel im Leben kann es sein, sich zur Liebe hinzubewegen, immer sanfter, immer verständnisvoller, immer mitfühlender zu werden.
Wir müssen wegkommen vom Warenfetischismus, vom Huldigen des Materiellen, vom blanken Narzißmus.
Es ist einfach grundlegend verkehrt, andere Menschen nur dazu zu (ge-)brauchen, um sich an ihnen abzureagieren. Viele Leute suchen sich ja gerade deshalb einen Partner, um sich irgendwie an ihm hochzuziehen, sich selbst oder der Welt dadurch etwas zu beweisen.
Sie sehen dabei aber nicht den anderen, wie er ist, sondern immer nur das, was sie selbst in ihn hineinlegen. Es geht für sie darum, Unterhaltung und Abwechslung im Alltag zu haben, einen Partner gegen die Langeweile, für kostenlosen Sex oder das Aufpolieren des eigenen Egos.
Um aber wahre Liebe erleben zu können, muß man vor allem das Voneinandergetrenntsein erleben und gerade nicht das Verbindende. Also nicht das Gleiche suchen, sondern das Fremde zulassen, das eben Nicht-Ich ist, das Andere voll und ganz akzeptieren und sich dessen bewußt werden.
Es reicht nie aus, nur deinen Nächsten zu lieben, man muß auch und gerade die Liebe und die Nähe zu den Fremden und den Feinden suchen. Nur so kann man diese vermaledeite Selbstsucht überwinden, die überall in unserer Gesellschaft wirkt und Schlimmstes anrichtet.
Wir müssen bereit sein, ein anderes menschliches Wesen in seinem So-Sein und seinem Anders-als-ich-Sein anzunehmen, ganz und gar. Wenn jemand so ist wie ich, dann ist das uninteressant.
Den Meisten erscheint bloß das als vernünftig und gut, was sie immer schon gedacht haben. Sie wollen bloß ihre Vorurteile bestätigt wissen. Das ist es aber nicht, kann es niemals sein.
Nein, eine bessere Welt ist nur so möglich: Ich und du, wir müssen alle miteinander losgehen, aufeinander zu, der Fremde (ich für dich und du für mich) muß uns ganz Mensch werden, denn erst dann kann man sagen: Ich bin du. Und von dort ausgehend anfangen, zu lieben und zu verstehen.

Samstag, 12. September 2009

Schreibe von Amanda, denke an den Krieg

Wenn der große Zampano neben dem chronischen Zeitmangel eines satthatte, dann waren es die ständigen Niederlagen und Mißerfolge. Seinen größten Unsinn, in fünf Minuten beim Kacken hingekleckst, feierten die Leute als zeitlosen Klassiker; die guten Sachen hingegen fanden so gar kein Publikum.
Zampano hungerte nach Sieg. Dabei schwebte ihm nicht so ein lausiges 2:1 vor, sondern ein regelrechtes Massaker der guten Laune, ein Triumph, mit großer Parade, Orchester und schulfrei für alle.
Das Problem war nur: Er war jetzt fünfundvierzig, und es waren absolut keine Siege mehr in Sicht, nicht einmal mehr ein ordentlicher Kampf. Die Gegner von einst waren alle so lasch geworden. Früher waren sie noch hungrig und verbohrt, heute genossen sie gute Weine und saßen abends mit der Kanzlerin beisammen.
Langsam kam Zampano an einen Punkt, wo er das alles so dermaßen zum Kotzen fand, daß er am liebsten den Kurt Cobain gemacht hätte, wenn das nur nicht so abgeschmackt wäre. Auch da hatte er wieder den Absprung zur rechten Zeit verpaßt. Mit 27, klar, da geht das – aber jetzt mit Mitte 40 nahm ihm den an der Welt verzweifelnden Künstler doch keiner mehr ab.
Und so blieb ihm als Ausweg nur noch das Stupide. Mit schnellen Autos im Kreis rumfahren und es Formel 1 nennen. Mit dem Privatjet an exotische Orte fliegen, wo es auch nicht besser war als daheim in Sprockhövel. Sich limitierte Singles-Boxen von den Smiths kaufen, im Endeffekt aber doch immer nur die alten CDs auflegen. Zeit mit Büchern verplempern, die es gar nicht wert waren, geschrieben, geschweige denn: gelesen zu werden, aber irgendwie mußte man die Abende ja rumkriegen. Mit den schärfsten Frauen Deutschlands poppen und sich als Jurymitglied der Heidi-Klum-Show ausgeben. Sich an seiner alten Universität ehren lassen, obwohl man früher in den Vorlesungen immer nur geschlafen hat.
An diesem Abend schmiedete Zampano den Plan, eine Hosenfabrik in Bangladesch zu eröffnen und anschließend mit den Produkten von dort KiK Konkurrenz zu machen. Ein Mann braucht schließlich Abwechslung.
Nach dem Zähneputzen, vor dem Betthupferl drosch er auf sein Spiegelbild ein, bis Blut floß. Er saute das halbe Bad voll, aber wischte es nicht weg. Schließlich hatte er der Welt noch so viel zu geben, und wenn die Welt es schon nicht wollte, so mußte doch wenigstens die bulgarische Putzfrau angemessen beschäftigt werden.

Sonntag, 6. September 2009

Jungs namens Bernd haben grundsätzlich Unrecht

Arroganz muß man sich leisten können, fand der große Zampano. Demut ist aber auch nicht grade ein Schnäppchen.
In der Kunst, und da kannte er sich aus, denn die war sein Metier, gelten andere moralische Werte und Normen als in der wahren Welt. Also kann, darf und sollte man Frauen beleidigen, Negerchen schmähen, Behinderte nachäffen, Pädophilie und Nekrophilie bejahen, kleine Hunde und Katzen quälen, Krieg, Terror und Leichenfledderei als ästhetische Mittel anerkennen und sich über politische Aktivisten lustigmachen. Sich nach außen hin konsequent dekadent geben, kann wohl nur der wahre Moralist. Greenpeace ist doof, deswegen geh ich jetzt schön Pelze kaufen.
Sich etwas Teures leisten können, war aber nicht alles. Man brauchte auch die nötige Muße, um es hinterher, nach dem Erwerb, gepflegt abzunutzen und kaputtzumachen. Keine Zeit, keine Kleinigkeit.
Man kommt einfach zu nichts, in diesen läppischen 24 Stunden. Kaum aufgestanden, wird es auch schon wieder Zeit fürs Bettchen. Dieser Jack Bauer hat uns alle belogen.
Unser Zampano fand, es wurde langsam echt Zeit für seine Heiligsprechung. Doch der Vatikan stellte sich (noch) quer. Dabei hatte Zampi schon als kleiner Schulbub das Konzept des Heiligseins wahrlich knorke gefunden. Am liebsten mochte er immer die ganz alten Heiligen, die kaum noch einer kannte und die darum nie etwas zu tun hatten. Die würden sich bestimmt richtig drüber freuen, wenn plötzlich nach fünfhundert Jahren mal wieder ein liebes Menschlein wie er zu ihnen betet. Und der vergessene Heilige, arg gebauchpinselt durch das neuerliche Interesse an seiner bespinnwebten Person, würde natürlich Himmel und, hoho, Hölle in Bewegung setzen, um dem irdischen Hilfsgesuch vom kleinen Zampi nachzukommen. Allein schon wegen der Rührung, daß da unten doch noch jemand an ihn glaubte. Klassische Win-Win-Situation also.
Die Heiligen hingegen, die jeder kennt, zu denen konnte ja jeder kommen. Die waren, durch Tausende von Wünschen überlastet, sicherlich auf Jahre ausgebucht. Dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn nach dem Beten nichts passiert. Nein, die wirklich Obskuren müßt Ihr suchen.
Also: Ein Heiliger sein, das wäre doch was. Warmherzig und großzügig. Jemand, der sich danach sehnt, den leidenden Seelen auf der Erde zu helfen.
Keine Schlußpointe diesmal.

Sonntag, 30. August 2009

Die beste Musik der Welt

Manche Menschen hinterlassen Spuren im Herzen, die man nie wieder wegbekommt und auch gar nicht wegkriegen will. Bei manchen Alben verhält es sich ebenso. Und manchmal fällt beides sogar zusammen.
Die ersten beiden Alben („Chega de Saudade“ und „O Amor, o Sorriso e a Flor“) von João Gilberto haben nicht nur 1959/60 so ziemlich im Alleingang die Bossa Nova aus der Taufe gehoben, sondern auch mir, über vierzig Jahre später, einiges an Empfindungen über das Leben, die Liebe und den ganzen Rest mitgegeben, um nicht zu sagen: zuvor ungeahnte Gedanken und Gefühle in mir hervorgerufen. Was vergraben war, wurde ans Licht gebracht, was schlummerte, geweckt. Eichendorff mag es mir nachsehen, aber: Die Welt hob an, zu singen, weil João das Zauberwort getroffen hatte. Diese Alben sind pure heart food, no less.
Alles Weitere ging dann ziemlich flott: Wenige Monate nach meiner Initiation durch die sanfte Welle traf ich ein ganz besonderes Mädchen, und ich erkannte durch sie, was mir die Bossa zuvor bereits eingeflüstert hatte. Daß wahres Glück nicht in der kurzfristigen Begeisterung, der Leidenschaft des Moments und der Euphorie der Überwältigung besteht, sondern in einem fortwährenden Gefühl des Geborgenseins, des Sich-mit-der-Welt-einverstanden-Erklärens. Ein tiefer Friede, ein Vertrauen und Sich-zuhause-Fühlen.
Die Zen-ähnliche Simplizität von Gilbertos Musik spricht zum geneigten Hörer und erzählt ihm genauso viel von der Welt wie der Wind in den Bäumen an einem Nachmittag im Juni. Man muß es nur begreifen können. Elegante Schlichtheit statt Lärm und Spektakel. Süße Melancholie, ein schöner Schmerz und zugleich, im selben Moment, auch hoffnungsfroher Aufbruch und jugendliche Frische.
João behandelt die Gitarre wie eine Geliebte und flüstert dazu mehr, als daß er singt. Er führt uns Manifestationen der Liebe vor: Verlangen und Freude, Zärtlichkeit, aber auch Schmerz und Trauer.
Eine spielerische, sommerliche Musik, die immer schon auch um den baldigen Verlust des augenblicklichen Glücks weiß. Liebe, dieses ewige Rätsel, hier begegnet es uns, in wundervolle Poesie und Töne verwandelt.
Harter Schnitt, in das Knistern der Auslaufrille hinein: Der Sommer ging vorbei und mit ihm auch mein Mädchen. Das Glück kam zu mir wie ein Traum. Es währte nicht lange. So wie fast alle guten Bossa Nova-Songs bleibt es in der Regel unter zwei Minuten, auf wenige kurze Augenblicke im Leben beschränkt. Die man zudem meist auch erst im Nachhinein, wenn alles schon wieder vorbei ist, als wahre Glücksmomente erkennt.
Das portugiesische Saudade wird auf den ersten Alben Gilbertos zu reinster Schönheit, zu einem vom Hörer tief empfundenen Lebensgefühl und -entwurf: Frisches Verlangen und zugleich auch schon das Wissen um dessen Verlust und Vergänglichkeit.
Und doch ist da, bei allem Schmerz, immer auch Zuversicht. Denn etwas, das einmal war, kann irgendwann auch wieder sein. So lange man lebt, besteht Hoffnung. Schließlich haben wir (und Leonard Cohen möge mir diesen letzten Kniff verzeihen) immer noch die Musik.

Samstag, 22. August 2009

Anne Heche kann zaubern

Als ich am Sonntag mit meinen Hunden Gassi ging, kam ich an der Christlichen Gemeinde in unserem Dorf vorbei. Für diese Freikirche Schrägstrich Sekte habe ich nie viel übrig gehabt, doch jetzt, im strömenden nachmittäglichen Regen, taten sie mir fast ein bißchen leid. Das hier sollte ihr Sommerfest sein, und sie kauerten sich hilfesuchend unter Regenschirme und Vordächer. Das Volleyballturnier ward ersatzlos gestrichen, die Würstchen schmeckten auch niemandem so recht. Im Vorbeigehen dachte ich so bei mir: Petrus muß ein Katholik sein. Für Freibeuter des Glaubens hat er wenig übrig.
Wenig übrig hat der geneigte Leser für abrupte Themenwechsel. Doch sei’s drum: Mein Leben ist ein bißchen wie Bossa Nova. Da geht es auch nicht um die gespielten, sondern einzig und allein um die ausgelassenen Noten. Das Gegenteil von Virtuosität also.
Abends kam dann noch Atze Oscar Wilde auf ein Bierchen vorbei. Der gab mir völlig recht und meinte: Mein Genie habe ich auch immer bloß auf mein Leben verwandt; in meinen Büchern steckt nur mein Talent. Darauf noch ein Iserlohner. Prost.
Als der britische Besuch wieder weg war, wankte ich noch auf eine Runde Spaß und Spielerei völlig betrunken ins Internet. Dort wurde mir schlagartig ganz anders. Die Leute von dieser Zornzeit hatten es auch nicht mehr drauf. Ihr Blog ist inzwischen viel zu fiktiv geworden, die Maskeraden der Ironie zu läppisch und privat, um noch Weltgehalte, Erfahrungen oder Gedanken erkennbar werden zu lassen. Pfui Deibel. Wer liest denn so was?
Deshalb hier mal, zum Ausschlagen schön, endlich wieder das nackte, pure, pochende und rohe Leben höchstselbst: Letzte Nacht, lange vor dem verplästerten Sommerfest und Wildes Besuch, fühlte ich mich unheimlich allein. Ich wurde wach und hatte auf einmal das Gefühl, der letzte Mensch auf Erden zu sein. Doch dann entdeckte ich zum Glück, daß da doch jemand war, denn in diesem Moment erblickte ich die wunderschöne nackte Frau, die neben mir auf dem Bett lag und mich irgendwie total unternehmungslustig anlächelte. Ihre unwiderstehliche Kleiderlosigkeit, ihre ungezügelte Leidenschaft sprang mir regelrecht entgegen – aus dem aufgeklappten Mittelteil eines am Vortag von mir gekauften Herrenmagazins.

Samstag, 15. August 2009

Schokoladenjesus

Jahesius Krüst shuffelte sich gemächlich an den Schreibtisch und machte mal wieder was:
Kriegte ich es bezahlt, würde ich mehr schreiben. Würde ich es bezahlt kriegen, wäre es ein Beruf. Wäre es mein Beruf, müßte ich es jeden Tag machen. Täte ich es jeden Tag, würde mir der Spaß daran abhandenkommen. Ohne Spaß, müßte ich mich aber quälen, mir Wörter und Sätze aus der Nase ziehen, Formulierungen abringen. Ich würde zur Worthure. So aber schreibe ich, wie viele junge Männer ficken: zum reinen Vergnügen und nicht für Geld. Cash ist nicht alles im Leben. Sorry Johnny.
Später zog sich Krüst in die Garage zurück, wo er letzte Woche seinen Hund überfahren hatte. Doktor House hatte gemeint, es wäre ein Unfall gewesen, und wer wollte Hugh Laurie schon widersprechen?
Wieder sprechen wir davon, wie des Künstlers Position in unserer Welt ausschaut. Daß ein eigener Stil beim Publikum gut ankommt, muß eigentlich für den Künstler bedeuten, ihn hinter sich zu lassen, den Stil, nicht den Publikum, denn der heißt das.
Auf jeden Fall muß ein Künstler in solch Situation die schrillenden Alarmglocken abschalten, beim lokalen Sicherheitsdienst anrufen, um denen mitzuteilen, daß nichts passiert ist, sich vielleicht noch fix einen Kaffee trinken, aber spätestens dann gleich, sofort und auf der Stelle was anderes als bisher machen. Nicht mehr die typische Scheiße, sondern ganz neue Scheiße abliefern. Nicht mehr oben blau und unten rosa, sondern links schwarz und rechts Zimt. Das gilt natürlich nicht nur für die Malerei, sondern für den Rest auch.
Restlich bedient war unser Krüst, als er abends in den Flimmerkasten schaute, und mein lieber Scholli, was er da für schröckliche Gestalten erblickte, potzblitz, er dachte erst, es wäre ein neuer Zombiefilm von George A. Romero, doch nein, es war dann doch nur Zeit für den beliebtesten Privatsender der Republik.
Früher, also in seinen Jugendjahren, das war gegen Ende des Kaiserreichs, mußte man noch etwas können oder geleistet haben, um ins Fernsehen zu kommen. Heute reicht es schon aus, wenn daheim ein verhaltensauffälliges Kind sitzt, man ein bißchen kochen kann oder aber den ganzen Arsch voll Schulden hat.
Derart angepißt, ging Krüst nach oben ins Schlafzimmer, löschte das Licht und legte Watertown von Frank Sinatra auf. Tolle Platte. Kennt nur keiner.

Donnerstag, 6. August 2009

Rechts am Wald

Das Leben schlägt gelegentlich seltsame Pfade ein.
Erst letztens mußte ich beispielsweise, obwohl es so gar nicht meinem Temperament entspricht, einer jungen Dame bei ihrer Scheidung helfen. Irgendwo hatten wir uns wohl gründlich mißverstanden.
Wir kamen, als wir uns begegneten, einfach so miteinander ins Gespräch, und irgendwann erkundigte sie sich dann danach, was ich denn eigentlich so mache, und ich sagte: Rechts am Wald...
Oh, das ist ja toll, unterbrach sie mich daraufhin mit geradezu ansteckender Euphorie in der Stimme und einem vielsagenden Glänzen in den Augen.
Das Tolle daran war mir zwar noch nicht so ganz aufgegangen, zumal sie mich ja auch nicht aussprechen ließ, aber um ihr nicht den Tag zu verhageln, machte ich das Gesellschaftsspielchen einfach mal mit und nickte, wenn auch vielleicht eine Spur zu eifrig.
Sie breitete im folgenden die Trümmer ihrer Ehe vor mir aus und ließ auch ansonsten kein gutes Haar an ihrem Noch-Ehemann.
Erst da ging mir auf, daß sie wohl dachte, ich sei Rechtsanwalt, also Jurist und somit in Scheidungsfragen bewandert. Dabei wollte ich ihr doch eigentlich bloß von meiner Köhlerhütte erzählen, die ich rechts am Wald betreibe.
Damit wir beide in dieser mißlichen Situation das Gesicht wahren konnten, verschwieg ich lieber alles weitere, tat ihr einige Wochen später den Gefallen und vertrat sie vor Gericht. Sie wäre ansonsten doch wohl sehr arg enttäuscht gewesen, und das hätte ich bei dieser reizenden Person einfach nicht übers Herz gebracht. Die Wahrheit ist manchmal schon ein arger Schinder.
Die Verhandlung lief dann auch ganz gut. Ihrem Mann wurden sein alter Mädchenname, der Nagellack und die beiden Meerschweinchen zugesprochen, wofür meine Mandantin zum Ausgleich aber immerhin den Porsche, den Schokoladenspringbrunnen und die handgeklöppelten Orientteppiche behalten durfte. Das Sorgerecht für die 15-Zimmer-Villa am Stadtrand teilten sie sich.
Damit konnten alle Beteiligten gut leben, auch die Meerschweinchen.
Es scheint sich bei mir um ein wahres juristisches Naturtalent zu handeln.
Vielleicht sollte ich das Metier wechseln.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Dawkins, du Opfer

Man täuscht sich ja auch oft in den Menschen. Viele halten beispielsweise Albert Einstein noch immer für ein Genie. Dabei war er, von der Atombombe ganz zu schweigen, auch nur ein weiterer Trottel aus Ulm. Nirgends erkennt man das besser als in einem Brief, den Einstein 1954 an den Philosophen Erich Gutkind richtete.
Dort schreibt Albert: Das Wort Gottes ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen. Zitat Ende.
Wir lernen daraus, daß es auf der ganzen Welt nur eine Sache gibt, die noch schlimmer ist als Religion: Atheismus.
Doch auch das vielgescholtene Christentum kann keinen wahren Trost mehr darstellen. Selbst in der katholischen Theologie wird mittlerweile angenommen, daß der Tod für den ganzen Menschen ein Ende setzt.
Nur Lieschen Müller mit ihrem ins Erwachsenenalter rübergeretteten Kinderglauben geht davon aus, daß es ein individuelles Leben nach dem Tode gibt. Sie tut dies, weil sie unfähig ist, eine Welt ohne sich zu denken. Wenn überhaupt, gehen wir einfach mal mit Aristoteles und Thomas von Aquin von der Tatsächlichkeit so einer unglaublichen Sache wie der Seele aus, dann existiert diese bloß in einer unerkennbaren Form fort.
Sie ist sich selbst und ihrem früheren Leben unbekannt, ohne Erinnerung, ohne Identität. Womöglich zwar bei Gott, aber eben nicht mehr als Lieschen Müller höchstselbst. Von daher dürfte uns das Jenseits eigentlich herzlich egal sein. Wir haben damit nichts zu schaffen. Wir sind hier.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Anhedonie

Ich bin einsam und fühle mich schlecht. Die Welt um mich herum interessiert sich nicht für mich, und sie braucht mich auch nicht.
Interessen habe ich keine mehr. Ich komme gut ohne Musik aus. Ich höre gerne nichts, Stille. Und da, wo schwarzer Regen fällt, hat jemand Gülle abgestellt.
Alt werden. Anfangen zu stinken. Merken, daß man ein bißchen so wie Maxim Biller geworden ist: Immer schlecht gelaunt, jeden Tag und heute.
Aus dem Fenster schauen. Die Nachbarin sehen. Sie kam vom Einkauf wieder, behängt mit den 36 Tragetaschen der Shaolin. Keiner hilft. Ich natürlich auch nicht. Statt dessen greife ich lieber zum Strick, steige auf den Drehstuhl und mache an der Deckenlampe herum.
Ganz traurig bin ich, der ich noch nicht gelebt habe, mich nun vom Leben zu verabschieden.
Da ruft die sanfte Stimme der Vernunft mir zu: Ertrage, man kann alles überleben.
Ich frage die Vernunft, ob ich ihre Handynummer haben kann, dann können wir uns mal auf einen Kaffee oder so treffen. Die Vernunft lehnt aber dankend ab. Das war zu erwarten.
Früher sagte ich mir immer: Auch dicke Mädchen brauchen Liebe. Aber nicht von mir. Heute wäre ich wohl nicht mehr so herablassend. Doch selbst die Dicken kommen nicht mehr.
Ich bleibe allein. Denke an ein tolles Girl von früher. Im Winter unseres Mißvergnügens trugen wir fünf Schichten Kleidung übereinander. Sie sah trotzdem noch verdammt sexy aus. Gelaufen ist nichts. Nur ich, durch den strömenden Regen.
Memories are made of Schulmädchenreport. Deutschland, nach Pille, vor Palle. Keine tödlichen Bumsviren, nirgends. Dafür ganze Hecken von Schamhaar. Das waren die Siebziger. Peter Frankenfeld führt durchs Programm. Es muß eine unfaßbar besockte Zeit gewesen sein.
Unterm Strich bleibt: Ein schöner Tag im Treckermuseum mit alten Erinnerungen.
Der Stuhl kippt.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Tristesse in Butternudeln

Fred, der Gymnasiast, hatte es mal wieder kommen sehen. Das Licht am Ende des Tunnels war gar kein Licht, sondern nur eine Fata morgana. Die Spiegelung von etwas, was gar nicht da ist. Hochphilosophisch, aber zugleich auch sterbenslangweilig.
Es hätte ein schöner Abend werden können. Wurde es dann aber doch nicht. Fred konnte nicht aus seiner Haut. Die war übersät mit Pickeln und Frustakne. Von den zornigen Mitessern der Selbstgerechtigkeit ganz zu schweigen.
Er versuchte, sich selbst einen Witz zu erzählen. Das klappte nicht, weil er mal wieder, wie so oft, die Pointe versemmelte.
Wird wohl mal wieder Zeit, Handcreme zu kaufen. Die von den skandinavischen Fischern. Die wissen, wie der Barsch läuft. Und solange man bloß sein Geld aus dem Fenster wirft und nicht sich selbst noch gleich hinterher, ist eigentlich alles in Ordnung.
Yuppidu. Schwing schwing.
Fred wechselte hinüber ins Wohnzimmer. Seine Freundin war immer noch da. Ach so, war ja ihre Wohnung, klar, warum auch nicht. Er nahm einen Sitzplatz in würdigem Abstand zu ihrer Wenigkeit in temporären Besitz und glotzte in die Richtung, in die auch sie kuckte. Der Fernseher lief, mal wieder. Heidi Klum suchte Nachwuchs. Ihr Sangesneger reichte ihr wohl nicht mehr.
Die Rothaarige finde ich irre gut, meldete sich die Freundin vom Fred unaufgefordert zu Wort. Das wollte Fred gar nicht wissen. Höflichkeitshalber sah er aber trotzdem mal kurz auf den Bildschirm.
Die Rothaarige, aha, na ja, zur Not, also, da würde er die wohl auch noch stöpseln. Ob seine Freundin und die Rote vielleicht mal Lust auf einen flotten Dreier...? Aber bestimmt nicht, denn die eine war sterbenslangweilig und die andere würde bald Topmodel sein.
Zurückgeholt auf den harten Boden der Tatsachen, wechselte Fred noch mal rüber Richtung Küche.
Aus der anderen Räumlichkeit grunzte die Freundin irgendwas nur halb Verständliches von wegen morgen abend essen gehen herüber. Fred sagte nichts dazu und dachte bloß bei sich: Püppi, laß mal gut sein. Keep it loose und so.
Er griff beherzt zur halbvollen Wodkaflasche und eliminierte durch gezieltes Schlucken guten Gewissens einen Großteil des dort noch vorrätigen Flüssigkeitspegels.
Schnaps, das war sein letztes Wort. In diesem Sinne: Schnaps.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Beziehungen

Beziehungen sind doch nichts. Die geben doch nichts her. Im Gegenteil: nehmen einem sogar noch was weg. Weil: Man verändert sich dadurch. Wird zu einem Menschen, der man nie sein wollte.
Klar, man muß Kompromisse eingehen. Und Rom wurde auch nicht an einem Tag niedergebrannt. Aber alles hat seine Grenzen. Es gibt schließlich auch noch so etwas wie Stolz. Den gibt man in einer Beziehung aber besser gleich mal von vornherein beim Pförtner ab.
Am Anfang ist alles, klar, was auch sonst, supidupi. Küssen und Kennenlernen und Tralalürchen.
Dieses Kribbeln im Bauch, kennst du das auch? Ja, natürlich, ich hatte ebenfalls schon mal Durchfall. Läßt der nach, dann hat auch meist das erste Verliebtsein bereits abgedankt.
Und dann läuft man irgendwann gleichgültig nebeneinander durch den Alltag, nervt sich gegenseitig an, hat aber immerhin noch Sex, für den man nicht bezahlen muß, und ehe man sich versieht, hört man sich selbst am Sonntagnachmittag so Sätze sagen wie: Schatz, ich stelle noch eben das kleine Fahrrad runter in den Keller.
Das interessiert Schatz dann aber auch schon nicht mehr. Sie sagt zwar noch Ja und Amen, denkt aber doch lieber an Brad Pitt. Nur ist sie eben nicht Angelina Jolie, sondern Katrin Paschunke. Und sieht auch dementsprechend aus. Naja, für den Fahrrad-in-den-Keller-Bringer reicht’s noch.
Solche traurigen, tranigen Existenzen trifft man überall, wo sich Menschen wider besseres Wissen zusammentun, ja: regelrecht zu einer Zweisamkeit zusammenrotten.
Da hilft nur eins: Isolation und Einzelhaft. Guantanamo, bahia guantanamera.
Logo, man findet sich selbst ja auch nicht so sonderlich geil, aber immerhin kann man sich so allein, wenn sonst keiner da ist, noch halbwegs ertragen. Da heißt es dann achselzuckend: Zwei Wochen nicht geduscht, nicht rasiert, das Haus nicht verlassen, na und? Stört doch keinen. Immerhin drei Bücher gelesen, ein paar alte Filme im Spätprogramm gesehen, Fertigmenüs in der Mikrowelle aufgewärmt und volle Pulle Motörhead gehört.
Machen Sie das mal in einer Beziehung.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Erstes Halbjahr 2009

Die Academy Awards. Afghanistan. Air France. Android Smartphone. Avril Lavigne.
Bangkok. Barack Obama. Benjamin Netanjahu. Bruce Willis.
Charles Darwin. Das chinesische Neujahr. Cristiano Ronaldo.
Dalai Lama. Darfur.
Earth Day. Edgar Allan Poe. Erdbeben. Europäische Union. Eurovision Song Contest.
FC Barcelona. Freitag der 13.
Gasstreit. Gaza-Streifen. Gazprom. Die globale Erwärmung. Guinea-Bissau.
Hillary Clinton. HTC Magic. Hubble. Hugo Chavez.
Indien. Internationale Filmfestspiele von Cannes. Iran. Island.
Jay Leno. Jennifer Hudson. John Travolta.
Kate Hudson. Kate Winslet. Königstiger.
Lindsay Lohan.
Madagaskar. Madonna. Malawi. Michael Jackson. Moldawien. Morgan Tsvangirai.
NASA. NATO. Nintendo DSi. Nordkorea.
Ostern. Österreich.
Papst Benedikt XVI. Pinguin. Pirat. Platz des himmlischen Friedens.
Rafael Nadal.
Satellit. Schmetterling. Schneesturm. Schweinegrippe. Shuttle. Slumdog Millionär. Somalia. Somalische Piraten. Sonnenuntergang. Sri Lanka. Susan Boyle.
Teheran. Terminator: Die Erlösung. The Pirate Bay.
Valentinstag. Vulkanausbruch in Alaska.
Waldbrände in Australien. Watchmen. Wimbledon. Winnenden. Winter. Wolverine.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Das Leben, ein Freispiel

Ich stand morgens auf und hatte schon keine Lust mehr auf den Rest des Tages. Im Briefkasten fand sich nichts als Reklame. Ein Herrenausstatter wollte mir tuntige Klamotten aufschwatzen, in Ätzfarben wie Violett und Rosa.
Später mußte ich in die Stadt. Auf allen Wegen ward mir dabei so, als lebe der metrosexuelle Mann von heute extreme close to Homo und das nicht nur in der U-Bahn. Apropos öffentlicher Nahverkehr in Köln: Nicht der Zug wird größer, sondern bloß der Tunnel. Blick ins Nichts, Erkenntnis von Allem.
So schwerfällig kam ich mir schon seit Jahren nicht mehr vor. Hatte ich den rechten Zeitpunkt zum stilvollen Abtreten etwa schon um einige Wochen verpaßt? Das wäre schade. Aber nicht zu ändern. Schließlich sagt dir nie einer, daß du aufhören sollst, solange noch die Kohle stimmt. Mick Jagger kann dir ein Lied davon röcheln. Und nur die wenigsten tun es aus reiner Liebe zum Spiel, wie damals noch Andre The Giant. Der stand halt einfach gern im Ring. Auch, als er sich vor Schmerzen kaum noch bewegen konnte. Ruhe in Frieden, sanfter Riese.
Wie dem auch sei, neben meiner Wenigkeit sind in dieser Woche außerdem noch vom Artensterben bedroht: die Meeresschildkröte, der Sumatra-Orang-Utan, der afrikanische Elefant, das indische Panzernashorn und der deutsche Mittelstand.
Bevor es abends zu dunkel wurde, um noch irgendetwas erkennen zu können, legte ich im Schimmer vom letzten Tageslicht noch schnell eine Liste mit Dingen an, die ich in den Sommerferien unbedingt erledigen möchte. Ganz oben dabei: Einen Sarg bauen, in dessen Innerem sich ein Flipper befindet, mit vielen Leuchtdioden und Rampen und Blinklichtern. Das Leben, ein Freispiel.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Inkassobüro Sivkovic

Ach, du hast also gehört, ich sei ein richtig harter Kerl? Na ja, laß es mich mal so sagen: Um den Käse zum Bahnhof zu rollen, reicht’s.
Aber du hast schon Recht: Ich bin wirklich ein ganz ein schlimmer Finger. O ja. Mir begegnet man besser nicht in einer dunklen Gasse. Hihi.
Mein zweiter Vorname ist übrigens Fubak. Das ist Serbisch oder so und steht für: Furchtbar bös den Arsch vollkriegen. Und genau das kannst du haben, wenn du mir noch mehr unverschämte Fragen stellst.
Jahrelang bin ich nun schon in diesem wunderschönen Inkassobüro tätig. Wer nicht zahlen will, muß fühlen, das war schon immer so. Und was die Auftragslage angeht, können wir uns echt nicht beklagen.
Mein Chef, Keule Eminenz, der wo da drüben am Mahagonischreibtisch sitzt, jener mit dem Goldzahn im Gebälk, der lächelt eigentlich den ganzen Tag vor sich hin, auch wenn er total mies drauf ist. Diese Grinserei kann einem auf die Nerven gehen, muß aber nicht. Das ist eben seine Vorstellung von einem Pokerface. Und vielleicht hat der Chef ja auch einen an der Knolle, weil er immer lächelt, kann schon sein. Das sagst du aber besser nicht zu laut, wenn er in der Nähe ist, denn sonst gibt es mächtig Ärger. Plus Knochenbrüche, und die nicht zu knapp.
Ansonsten laufen die Geschäfte wirklich gut. Sieht man doch schon an Chefchens Porsche, oder? Klar, mag mancher nun vorwitzig einwenden, das ham wir schon gerne: Sieht aus wie ein abgelutschter Hundekuchen und fährt so ne große Kalesche. Aber auch das behältst du besser für dich, du Schmalspur-Rambo, wenn dir dein lausiges Leben lieb ist.
Kommen wir nun zur Hauptattraktion des Abends – zu mir! Der Frauenschwarm, wo ich bin, sieht unheimlich gut aus und weiß auch um seine Wirkung beim weiblichen Teil des Publikums. Wo zwei, drei junge Damen in Miniröcken beisammensitzen, und ich gehe da lässig vorbei, kann der Kellner aber hinterher erst mal den Aufnehmer drunterlegen, sag ich euch.
Häh? Was sagst du da? Ich und ordinär? Paß mal auf, Bursche, sonst war das dein letztes Lebenszeichen vor der Eintütung in die Urne. Ich hab nämlich schon ganz andere Kaliber als dich umgenietet.
Erst letztens meinte mein Chef, es gäbe Ärger mit den Kroaten. Die haben da so einen Treff im Hinterzimmer ihres Reisebüros, illegales Spielcasino, Poker und so Zeugs, mehr mußt du nicht wissen, glaub mir, ist gesünder, je weniger du weißt, desto besser für dich. Na jedenfalls fragte Chef mich, ob ich für den Job Hilfe bräuchte, es seien wohl ungefähr fünfzehn Mann in der Zockerhöhle. Darauf nur ich so mit einem abschätzigen Lächeln: Was? Fünfzehn Figuren? Die mach ich im Stehen auf der Treppe. Und so war es dann auch.
Noch Fragen, du Flitzpiepe?

Mittwoch, 10. Juni 2009

Besuch, ein Fluch, ein rotes Tuch

Eine Frau hatte sich bei mir angemeldet. Früher hatte ich sie einmal ganz gern gehabt, aber dieses gemeinsame Wochenende gab mir und uns vollends den Rest.
Anstatt bis zu mir durchzufahren, mußte ich sie unbedingt vom Hauptbahnhof abholen. Ich hasse aber diesen verschissenen Hauptbahnhof, der keiner ist, weil er in der Einöde liegt und den gemeinsamen, Glas und Stahl gewordenen feuchten Traum der Herren Schröder, Mehdorn und Albert Speer darstellt. Tempelhof ist ein Dreck dagegen, und selbst der ekelerregende Potsdamer Platz war nur die Vorstufe zu dieser totalen Scheußlichkeit. Ein Stahlträger fällt auf Knut. Leider. Nicht. Germania 2000, wir kommen, heim ins Reich. Reich ins Heim wäre mir lieber, aber auf die Pflegestufe kann ich noch lange warten.
Abends schleifte sie mich auf ein Konzert. Ich hasse Konzerte. Überhaupt, Musik. Ich hatte ihr hundertmal gesagt, daß ich gerne nichts höre, Stille. Hier aber nun: die Abwesenheit von allem Schönen. Verrockte Kunststudenten, ungewaschen, überohrfrisiert und ohne Groove, sowohl vor als auch auf der Bühne. Nicht zu unterscheiden, wer sein Geld dafür ausgibt und welcher es sich einsackt. Die totale Gleichförmigkeit innerhalb der angestrebten, angestrengten Individuation. Hitlerjugend, here I come!
Dann wollte sie kochen. Bei mir! Bei mir wird aber nicht gekocht. Meine Küche ist ein Ausstellungsstück, für ein nicht mehr fertig gewordenes Projekt von Martin Kippenberger. Töpfe und Pfannen, zentimeterdick wie mit vorweihnachtlichem Puderzucker von mütterlich sanftem Hausstaub überzogen, stehen nur zum reinen Spaß in den Schränken. Sie versaute mir die ganze Bude, die Laune sowieso. Den Gestank des angerührten, nicht genossenen Fraßes werde ich wohl noch auf Wochen ertragen müssen, trotz Dauerlüftens in die Berliner Sommerluft hinein.
Nachts lag sie neben mir im Bett, schwitzte sehr stark und röchelte mir unordentlich die Ohren voll. Nicht mal für ein ausgewachsenes Schnarchen reichte es bei dieser lauwarmen Person. Ich fühlte mich wie eine Mailänder Salami, die in einen kalten, zugigen Hausflur geworfen wurde.
Als sie endlich wieder verschwand, war ich erleichtert und trat ihr zum Dank für die Abreise auf der Feuertreppe von hinten mit Schmackes ins Kreuz. Auf die Idee, ihr auch noch das Paket mit ihrem vermaledeiten Rotbuschtee an den Kopf zu pfeffern, kam ich leider erst, als sie bereits wieder tief im Westen versunken war.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Eichelheimer, verliebt in eine Bombe, redet sich um Kopf und Kragen

In der Kneipe an der Ecke sprach mich unaufgefordert so ein besoffenes Arschloch von der Seite an.
Ohne, daß es mich sonderlich interessiert hätte, stellte er sich als Hans Martin Eichelheimer vor. Um gleich darauf ungefragt seine politischen Überzeugungen vor mir auszubreiten.
Deutschland, so hob er an, braucht unbedingt die Atombombe. Das ist einfach Fakt! Ich meine, Peter Scholl-Latour sagt das auch. Und der hat bekanntermaßen immer recht. Außerdem würde ich mich dann wieder viel sicherer fühlen, wenn ich in Zukunft bei Rot über die Ampel gehe oder abends betrunken mit meinem Auto nach Hause fahre. Wir sind hier schließlich nicht bei der Wohlfahrt.
Dann stierte er für einen Moment trübe in sein Bierglas, bevor ihm doch noch was Schlaues einzufallen schien. Sein Geistesblitz lautete wie folgt: Und irgendwie müssen wir uns doch schließlich vor diesen ganzen Kaffern weltweit schützen. Dieser Achmadingsda im Iran, der tanzt uns doch schon jetzt auf dem Kopf rum, wie es ihm paßt. Oder der Bekloppte aus Korea. Solchen Brüdern kommt man nur mit Härte bei. Man muß die schocken, nicht tätscheln. Die Welt zu Gast bei Freunden? Daß ich nicht lache!
Nachdem er hinter vorgehaltener Hand kurz aufgestoßen hatte, zauberte Eichelheimer mit einer umständlichen Geste eine Art Formular aus der Innentasche seiner speckigen Jacke.
Er erklärte mir: Ich habe da auch schon was vorbereitet. Das ist so eine Art Petition für den Bundestag. Ich sammle Unterschriften, damit die feinen Herren Volkstreter, hähä, das sag ich immer, statt Volksvertreter, verstehste? Damit die mal umdenken. Denn wir brauchen die Bombe doch.
Also, und mit diesen Worten kramte er auch noch einen Kugelschreiber hervor, am Besten einfach hier mal schnell unterschrieben und unser gemeinsames Anliegen unterstützt. Ihre Kinder und Kindeskinder werden es Ihnen später danken.
Entschuldigung, sagte ich da zu Eichelheimer, das klingt interessant, aber ich muß mal kurz aufs Klo. Bin gleich wieder da.
Das Toilettenfenster war ziemlich eng, aber irgendwie ging es dann doch. Schnell durchgezwängt und ab über den Hinterhof. Das nächste Mal trinke ich wieder daheim.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Ein offenes Wort unter Freunden

Guten Tag. Mein Name ist Angela Merkel. Ihr seht mich nie lächeln, doch ich habe große Brüste.
Du würdest nicht eine Meile in meinen Mokassins laufen wollen. Mein Leben wäre zu hart für dich, du Stiefelputzer.
Ich wurde in der DDR geboren. Die große Stadt lockt mit ihrem Glanz, mit schönen Frauen, mit Musik und Tanz. Doch der Schein, der trügt. Deshalb blieb ich in der Provinz und studierte Physik.
Dann lernte ich meinen Mann kennen. Er gewann mein Herz, als er mir folgenden Rat mit auf den Weg gab: Angela, sagte er, schlage nie deine angehende Schwiegermutter mit einer Schaufel nieder. Es könnte einen Schatten auf die zukünftige Ehe werfen. Sowieso ist, den eigenen Leidenschaften nachzugeben, die größte Form der Sklaverei.
Beim Millennium hatte ich richtig Angst um meine Daten. Ich hatte eine 20-Megabyte-Festplatte, da paßte eine Menge drauf. Zum Glück ist dann doch alles gutgegangen.
Auch ist nicht jeder Mensch ein Ferkel. Die kruden Andeutungen im Neuen Testament, daß da vielleicht was mit Maria Magdalena hätte gewesen sein können, kann man nämlich auch so verstehen, daß da überhaupt nichts gewesen ist. Kumpel Jesus war schon tippitoppi.
Und nun wird es noch buddhistisch, denn zwei Menschen lesen niemals dasselbe Buch. So, wie man auch niemals zweimal in den selben Fluß steigen kann.
Jetzt möchte ich noch kurz menscheln, wenn ich darf und sagen, daß mein Häschen und ich abends gern einmal essen gehen im Chinarestaurant Mykonos.
Und auch heute könnt Ihr wieder etwas lernen, liebe Bundesbürger. Diesmal, was es mit der Abkürzung „RAF“ auf sich hat. Das steht für: Richtig Aufmerksame Fußgänger. Das war eine Gruppe, die vor dreißig Jahren für Furore sorgte, und die neigten auch immer so ein bißchen zum Fanatismus. Wer zum Beispiel Faxen machte, kam in den Kofferraum.
Danke für die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es grüßt Sie Ihre Kanzlerin.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Wortpest

Adorno. Aids. Anbetung. Anne von den Preluders. Arbeitslosenzahlen. Aristoteles. Asthma. Ausbeutung. Bandwurm. Bergpredigt. Berührungen. Bewegungsmangel. Bierschinken. Blumen im Haar. Bossa Nova. Bruder. Calypso. Caren Miosga. Das Hausboot der Kelly Family. Demokratie. Denken, aber abstrakt. Deutschland. Diktatur. Drogenkonsum. Duelle. Einsamkeit. Eisbären. Endspiele. Enterbung. Ernst. Erpressung. Ficken. Flachbildröhren. Freibier. Gefangene. Gefühle. Geschichte. Gespenster. Gewalt. Glaube. Global Player. Grilltomaten. Gründonnerstag. Handentspannt. Heavy Metal. Integration. Jesus. Karies. Katechismus. Kautabak. Keilereien. Kindersex. Kippenberger. Kleptomanie. Knut. Kopflastigkeit. Kopfläuse. Kreativität. Kreuzberg. Lack und Leder. Lisa Plenske. Lohnsteuer. Lügen. Mädchen. Management. Manipulation. Marketing. Masochismus. MC Hammer. Menschenleben. Menschenverachtung. Mobilität. Mobbing. Moers. Mord. Motorraddiebstahl. Naturmaterialien. Neuss. Ökosteuer. Onan der Zerstörer. Oralsex. Petting. Pferdeäpfel. Popeye. Prinzessin. Programmieren. Projektion. Prostitution. Qualität. Randexistenzen. Rock ’n’ Roll. Satanismus. Scheißinternet. Schizophrenie. Schwester. Selbstmord. Singlereisen. Soziale Kompetenz. Spaß. Sperma. Spinat. Sportsgeist. Strom sparen. Suff. Taktik. Tango. Tao. Tarifabschlüsse. Tierpornos mit Handlung. Tierschutz. Truppenabzug. Unterdrückung. Verarmung. Verdummung. Verführung. Verhütung. Vitamin B. Webdesign. Wissenschaft. Wurstfest. Zahnspange. Zivilcourage. Zornige Zebras mit Zysten an den Zedern. Zulassen. Zusammenarbeit.

Dienstag, 12. Mai 2009

Elektrisches Geheul XII

Epilog.
Nekrolog.
Nepomuk.
Sinn und Leben stehen in Büchern.
Und doch kann ihnen keiner beikommen.
Es war eben gerade erst vor einem Augenblick.
Es ist lange her.
Es wird Jahre dauern, um diesen Verlust zu überleben.
Sinnlos lasse ich mich, angetrieben von der Kälte, über die Gänge treiben.
Am Ende war ihre Reinheit doch wertlos.
Was ist nun besser?
Stille sein oder toben?
Die Ameisen unter uns, ihrer eigenen Intelligenz gehorchend, würden sich eine solche Frage nie stellen.
Und doch ist sie da und wird es immer bleiben.
Was einmal gesagt wurde, kann nicht mehr aus der Welt genommen werden.
Es ist absurd, sich in ein Mädchen wie dich zu verlieben.
Und doch hatte ich damals, am silbrigen Forellenbach, nichts Besseres zu tun als genau das.
Ich malte mir aus, wie es wohl wäre, wenn du und ich sich selbst genügende Früchte sein könnten.
Du werkelst an mir herum.
Ich dringe in dich ein.
Gemeinsam wäre uns die gebärende Nacht als absoluter Ausweg erschienen.
Es hätte doch auch klappen können.
Sogar den Namen unserer eingeborenen Tochter hatte ich mir schon zurechtgelegt.
Anjuscha.
Immerdar wird mir deine Reinheit vor Augen stehen.
Wie der Balken, den Jesus nicht herausbekam.
Der immer wieder neue Splitter trieb.
Keine Früchte brachte.
Und selbst die Götter bleiben fern.
Karwoche.
Halleluja.