Vorab will ich mich gleich mal entschuldigen. Der hier vorliegende Text ist nicht gut geworden. Ich bin auf ganzer Linie gescheitert. Was anderes war aber auch gar nicht zu erwarten, denn: Ich bin bloß ein Beta-Männchen, ein schwaches, hilfloses, gescheitertes Subjekt, umgetrieben und geplagt von Neurosen und Ängsten.
Ja, ich gebe es zu. Ich habe Angst. Angst vor den Alpha-Mädchen, die sich nicht zu doof dafür sind, allen Ernstes Sätze zu formulieren wie: Männer sind wie Hunde, und die sich dabei gedanklich bereits zum alles dominierenden Frauchen aufspielen, während sie dem kleinen winselnden Kläffer zu ihren Füßen mit einer Mischung aus Belustigung, Hochmut und Abscheu begegnen. Ernst nehmen können sie die weichen Männer von heute jedenfalls nicht mehr.
Viele aufmerksame Zeitgenossen interessieren sich dafür, mit welchen Vorurteilen junge Mädchen heutzutage noch immer auf ihrem Weg an die Macht zu kämpfen haben. Doch entscheidender scheint mir zu sein, mit welchen Vorurteilen sie selbst unterwegs sind.
Sicherlich, gegen gute Ausbildung ist erst mal nichts einzuwenden, die steht den Mädchen natürlich ebenso zu wie den Jungs. Doch wo bleibt dabei die Herzensbildung, so etwas wie Güte? Ich sage es Euch: oftmals auf der Strecke.
Es geht gar nicht darum, daß die Frauen sich klein machen sollen, ganz im Gegenteil. Ich bleibe auch gern zuhause, wenn meine Freundin gut genug verdient, daß es für uns beide reicht. Damit hätte ich nun wahrlich kein Problem.
Überhaupt sind junge Frauen inzwischen häufig schon längst besser in den Naturwissenschaften und der Mathematik, während zugleich in einem gar nicht mal so schleichenden Prozeß die vermeintlichen Soft Skills immer mehr zu einer Männerdomäne werden.
Fakt ist: Die Deutschen sterben aus und kriegen keine Kinder mehr. Was zum Teil auch daran liegt, daß erfolgreiche Frauen durch den Mann an ihrer Seite stets noch ein Stückchen erfolgreicher werden wollen. Ist ein solcher Partner nicht zu haben, bleibt man eben unbemannt.
Die Akademikerin, die sich in den Taxifahrer oder Bäcker verliebt, sozusagen die umgekehrte Aschenputtelgeschichte, so etwas gibt es wohl nur in modernen, noch nicht geschriebenen Märchen. Die Realität sieht anders aus. Nach oben wird die Luft dünn, nach unten will sie sich gar nicht erst orientieren. Da kann der Bäcker noch so ein lieber Kerl sein, unter dem Vorstandsvorsitzenden macht es die Akademikerin nicht mehr.
Status geht über Gefühl, die Klassen in unserer angeblich doch so klassenlosen Gesellschaft bleiben in Fragen der Partnersuche weiterhin so konsequent und permanent untereinander, als wäre das bürgerliche 19. Jahrhundert nie zu Ende gegangen.
Manchmal wäre einfach schon ein bißchen mehr Konsequenz schön. Denn bei vielen Frauen findet sich immer noch eine höchst schizophrene Versorgermentalität. Klar, sie wollen ein bißchen Erfolg haben, aber trotzdem eben auch einen starken Partner an ihrer Seite, was bedeutet, daß der Mann, wenn möglich, eben NOCH angesehener als sie selbst sein sollte. Von den illusorisch hochgehängten eingeforderten sozialen Kompetenzen des Mannes (einfühlsam soll er sein, aber auch nicht zu weich, locker und humorvoll, aber doch auch ernsthaft und beständig) mal ganz zu schweigen.
Für mich gibt es jedenfalls schon längst keine Frauen und Männer mehr, nur noch Individuen. Alles andere sind bloß bornierte Vorurteile und das freiwillige Steckenbleiben in überholter Nazi-Mentalität.
Mario Barth mit seinen aufs platteste Wiedererkennen angelegten Männer-und-Frauen-Witzchen trägt daran ebenso schuld wie Alice Schwarzer, die sich seit 30 Jahren gedanklich nicht mehr weiterentwickelt hat und in jedem Mann einen potentiellen Vergewaltiger und Puffbesucher sieht. Die neue Unlust der Herren der Schöpfung (wir berichteten) ist ihr dabei offensichtlich noch nicht zu Ohren gekommen.
Sexuell fordernd sind heute, zumindest ab einem gewissen Bildungsgrad, bloß noch die Frauen. Dies Alice mitzuteilen, hat sich allerdings noch niemand getraut. Zu sehr würde dies ihr Weltbild erschüttern, in dem Frauen nur als Opfer sexueller Gewalt auftauchen, aber nie als Täterinnen.
Frauen, so Alice, sind ständig bedroht und müssen um Leib und Leben fürchten. Daß häusliche Gewalt zu gleichen Teilen von Männern wie auch von Frauen ausgeht, daß in Berlin die Eröffnung eines Männerhauses für von ihren Partnerinnen geschlagene und mißhandelte Herren angedacht wird, von all dem will sie gar nicht erst in Kenntnis gesetzt werden. Jüngst hat Frau Schwarzer ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Die Antwort. Doch was genau war bitteschön noch mal die Frage?
Ich gebe es unumwunden zu: Ich fürchte mich vor den streng gescheitelten Hyänen der Großstadt, den knallhart karriereorientierten Frauen, die Männer um jeden Preis überholen wollen, sie dabei wie ein Panzer überrollen.
Selbständigkeit ist ein hohes Gut, doch ohne Maß wird daraus schnell ein erbitterter Kampf um die besten Futterplätze. Besser sein wollen, sich beweisen müssen, so lauten die ehrgeizigen Ziele hartherziger Mädchen, die Liebe und Freundlichkeit für Zeichen von Schwäche halten.
Wo sie sich eigentlich selbstbewußt zeigen sollten, sind sie innerlich trotz aller Erfolge noch immer unsicher und setzen deshalb lieber auf zur Schau gestellte Arroganz, die alten Maskenspielchen und elendes Rollengepose. Sie übersehen dabei: Es geht um Unterstützung und nicht um den blanken Terror der Konkurrenz.
Thea Dorn stellt sich gerne mal breitbeinig hin und fordert: Mehr Stolz, ihr Frauen! (Daß es sich dabei um eine der Todsünden handelt: geschenkt.) Ehrlich gesagt erscheint mir, wenn ich mir die jungen Dinger von heute und ihr Verhalten mal so betrachte, die Forderung nach mehr Demut als deutlich wichtiger.
Die Analytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen sagte einmal, daß die Frauen sich nur dann befreien können, wenn sie auch selbstkritisch sind. Die Männer mußten vieles lernen in den letzten 35 Jahren – und taten dies auch. Sie sind nun ruhiger und sozialverträglicher, einfühlsamer und kommunikativer, können Socken stopfen und kochen. Glücklich geworden sind die Frauen darüber allerdings nicht.
Dies macht umso deutlicher, daß es mit einer einfachen Umkehr der Geschlechterrollen nicht getan ist. Bloß oben und unten zu vertauschen, reicht nicht aus. Das würde die gesellschaftlichen Mißstände ja nicht abschaffen, sondern bloß die Ausbeuter an der Spitze austauschen. Wahres Matriarchat geht jedenfalls anders.
Folglich kann es nicht bloß um Teilhabe an der Macht oder gar die komplette Übernahme der Herrschaft, sondern nur um Kooperation, Solidarität und Chancengleichheit gehen. Männer brauchen Liebe. Und die Alpha-Mädchen haben noch Etliches zu lernen.
Samstag, 8. September 2007
Samstag, 1. September 2007
A trifft B
Zwei sitzen zusammen. Unterhalten sich. Der Einfachheit halber tun wir einfach mal so, als wäre Person A ein Mann und Person B eine Frau. Ist leichter, sag ich Euch, allein schon der Unterscheidbarkeit wegen.
Von links und rechts tritt die Welt an die zwei heran, bombardiert sie mit Werbung und anderer Propaganda: Hallo Konsument. Hier waren mal Menschen. Große Tatsachenphantasien werfen ihre Schatten voraus, wenn die Sonne ungünstig steht. Einst war mein Herz stumm vor Trauer. Jetzt jedoch ist es stumm vor Freude. Denn ich kaufe, bis der Dispo kracht.
Die beiden interessiert das alles wenig, sie haben genug mit sich selbst zu tun. Da sagt der Mann zur Frau: Jetzt weiß ich auch endlich, an wen du mich schon die ganze Zeit über erinnert hast. An das Mädchen aus Cliffhanger, das gleich am Anfang des Films in die Schlucht stürzt und tot ist. Die hat genau so ein Gesicht wie du.
Die Frau kann nicht so gut auf Stallone-Filme, eine echte Bildungslücke, sicherlich, aber was will man heutzutage schon noch erwarten von diesen jungen Dingern? Die suchen doch alle bloß ihren eigenen Vorteil. Und, weiterhin, nach der großen Liebe. Mittlerweile auch vermehrt im Internet. Darum überrascht es auch nicht, daß sie irgendwann im Laufe dieses Nachmittags verkündet: Martin Kippenberger, obwohl tot, ist mein Freund bei MySpace. Das macht mich glücklich.
Nachher fragt der Mann die Frau, ob sie ihn möge. Sie will darüber gar nicht erst nachdenken und kuckt ihm daraufhin, für seinen Geschmack, wohl auch eine Spur zu ekelerregt aus der Wäsche.
Er, schließlich nicht auf den Kopf gefallen, rudert gleich wieder zurück und gibt hastig folgendes Statement ab: Ich halte meine Aussage nicht aufrecht. Ich distanziere mich hiermit von Ich. Ich gehe in mich selbst hinein zum Fremdschämen.
Sackgasse war gar kein Ausdruck für den Feldweg, in den ihr Gespräch hiermit endgültig hineingeholpert war. Man machte kurzen Prozeß, ließ den Kellner kommen, bezahlte, getrennt, versteht sich, verabschiedete sich eine Spur zu förmlich vom anderen und trennte sich.
Er geht zu Fuß und wirft an diesem Abend noch ein, zwei Blicke in ein Heftchen mit Fotos von hingeräkelten Entblößungsmädchen. Das lindert seinen tiefsitzenden Frust ein wenig.
Sie nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch. Am selben Abend, in der U-Bahn, meldet sich auf ihrem Heimweg unaufgefordert so ein ungehobelt soeben Eingestiegener lauthals zu Wort: Guten Abend, meine Damen und Herren. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Andreas. Ich war vier Jahre obdachlos, HIV-positiv und lebte vom Verkauf der MOTZ. Aber diese Zeiten sind jetzt zum Glück vorbei. Bitte mal die Fahrausweise zur Kontrolle!
Von links und rechts tritt die Welt an die zwei heran, bombardiert sie mit Werbung und anderer Propaganda: Hallo Konsument. Hier waren mal Menschen. Große Tatsachenphantasien werfen ihre Schatten voraus, wenn die Sonne ungünstig steht. Einst war mein Herz stumm vor Trauer. Jetzt jedoch ist es stumm vor Freude. Denn ich kaufe, bis der Dispo kracht.
Die beiden interessiert das alles wenig, sie haben genug mit sich selbst zu tun. Da sagt der Mann zur Frau: Jetzt weiß ich auch endlich, an wen du mich schon die ganze Zeit über erinnert hast. An das Mädchen aus Cliffhanger, das gleich am Anfang des Films in die Schlucht stürzt und tot ist. Die hat genau so ein Gesicht wie du.
Die Frau kann nicht so gut auf Stallone-Filme, eine echte Bildungslücke, sicherlich, aber was will man heutzutage schon noch erwarten von diesen jungen Dingern? Die suchen doch alle bloß ihren eigenen Vorteil. Und, weiterhin, nach der großen Liebe. Mittlerweile auch vermehrt im Internet. Darum überrascht es auch nicht, daß sie irgendwann im Laufe dieses Nachmittags verkündet: Martin Kippenberger, obwohl tot, ist mein Freund bei MySpace. Das macht mich glücklich.
Nachher fragt der Mann die Frau, ob sie ihn möge. Sie will darüber gar nicht erst nachdenken und kuckt ihm daraufhin, für seinen Geschmack, wohl auch eine Spur zu ekelerregt aus der Wäsche.
Er, schließlich nicht auf den Kopf gefallen, rudert gleich wieder zurück und gibt hastig folgendes Statement ab: Ich halte meine Aussage nicht aufrecht. Ich distanziere mich hiermit von Ich. Ich gehe in mich selbst hinein zum Fremdschämen.
Sackgasse war gar kein Ausdruck für den Feldweg, in den ihr Gespräch hiermit endgültig hineingeholpert war. Man machte kurzen Prozeß, ließ den Kellner kommen, bezahlte, getrennt, versteht sich, verabschiedete sich eine Spur zu förmlich vom anderen und trennte sich.
Er geht zu Fuß und wirft an diesem Abend noch ein, zwei Blicke in ein Heftchen mit Fotos von hingeräkelten Entblößungsmädchen. Das lindert seinen tiefsitzenden Frust ein wenig.
Sie nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch. Am selben Abend, in der U-Bahn, meldet sich auf ihrem Heimweg unaufgefordert so ein ungehobelt soeben Eingestiegener lauthals zu Wort: Guten Abend, meine Damen und Herren. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Andreas. Ich war vier Jahre obdachlos, HIV-positiv und lebte vom Verkauf der MOTZ. Aber diese Zeiten sind jetzt zum Glück vorbei. Bitte mal die Fahrausweise zur Kontrolle!
Samstag, 25. August 2007
Nichts als die Wahrheit
Die Wahrheit schreitet über die ganze Welt. Das heißt im Klartext, daß sie von Ort zu Ort verstoßen wird, daß die Menschen in allen Ländern, in allen Ecken, in allen Bunkern sie vom Hof jagen. Die Wahrheit muß ewig weiterwandern. Sie kennt keine Heimat, kein Ziel, keinen Ort des Verweilens. Keine Mutter, die in der Nacht um sie weint. Zu Atem kommt sie niemals. Durch die Finsternis, durch den Tag, durch die Sonne, durch den Regen. Immerfort, immerfort. Weiter, weiter. Sie geht und geht. Kommt niemals an.
Jene wiederum, die Lüge, wer denn auch sonst, führt ein Leben im Stand-by-Modus. Das sieht zwar von außen süß aus und spart auch irre viel Energie, was den Herrn Minister Gabriel bestimmt supidupi freut, aber es ist doch auch ein wenig, wollen mal sagen, eintönig. Zu viel von allem ist immer noch zu viel. Zu wenig aber, darauf können sich die wenigsten katholischen Schulmädchen in Not einigen, ist eigentlich gar nichts.
Abfinden ist gut, Rebellion ist besser. So stand es schon damals, mit Edding geschrieben, an der Tür der öffentlichen Bedürfnisanstalt. Mancher ist eben zuallererst und in wirklich jeder erdenklichen Lebenslage lange nichts und dann doch irgendwann Künstler. So mit in die Tiefe gehen. Schlaue Ideen beim Kacken fassen. Das Letzte aus sich herausholen. Darmspülung, beizeiten.
Und wo wir schon bei Körpersäften sind: Ich habe meine geheimnisvolle Prinzencreme bisher noch jedem Mädchen vorenthalten. So lebt es sich gar lyrisch in meinem Elfenbeinturm. Sollen doch die anderen stöpseln. Ich denke mir lieber pfiffige Werbesprüche aus.
Wie zum Beispiel diese hier: Durst ist alles. Bockwurstwasser hilft bei Potenzstörungen. Enlarge your penis up to three inches. Antworten Sie nicht auf diese E-Mail. Wir tun es selbst. Wir lieben Liebe zu dritt. Und das ist wiederum nichts als die Wahrheit. Gelogen wie gehüpft, alles im Dreivierteltakt.
Gut, ne?
Jene wiederum, die Lüge, wer denn auch sonst, führt ein Leben im Stand-by-Modus. Das sieht zwar von außen süß aus und spart auch irre viel Energie, was den Herrn Minister Gabriel bestimmt supidupi freut, aber es ist doch auch ein wenig, wollen mal sagen, eintönig. Zu viel von allem ist immer noch zu viel. Zu wenig aber, darauf können sich die wenigsten katholischen Schulmädchen in Not einigen, ist eigentlich gar nichts.
Abfinden ist gut, Rebellion ist besser. So stand es schon damals, mit Edding geschrieben, an der Tür der öffentlichen Bedürfnisanstalt. Mancher ist eben zuallererst und in wirklich jeder erdenklichen Lebenslage lange nichts und dann doch irgendwann Künstler. So mit in die Tiefe gehen. Schlaue Ideen beim Kacken fassen. Das Letzte aus sich herausholen. Darmspülung, beizeiten.
Und wo wir schon bei Körpersäften sind: Ich habe meine geheimnisvolle Prinzencreme bisher noch jedem Mädchen vorenthalten. So lebt es sich gar lyrisch in meinem Elfenbeinturm. Sollen doch die anderen stöpseln. Ich denke mir lieber pfiffige Werbesprüche aus.
Wie zum Beispiel diese hier: Durst ist alles. Bockwurstwasser hilft bei Potenzstörungen. Enlarge your penis up to three inches. Antworten Sie nicht auf diese E-Mail. Wir tun es selbst. Wir lieben Liebe zu dritt. Und das ist wiederum nichts als die Wahrheit. Gelogen wie gehüpft, alles im Dreivierteltakt.
Gut, ne?
Samstag, 18. August 2007
Aufzeichnungen aus der Künstlerkemenate
Die Volksverdummung ist ein Vogel mit bunten Federn. Stetige Analyse ergab: Jeder Künstler ist ein Mensch.
Es arbeitet, es brodelt, es donnert, es spratzt, es sprotzt. Da ist noch vieles in mir, und das muß raus, und ich rede jetzt nicht von Kacken. Es tut, es macht, es werkelt, es klöppelt, und die Welt wird Zeuge sein, auch Modell stehen müssen.
Die Querverweise seht Ihr nicht, und doch sind sie da. Ich spinne mich wie Tegler ein in mein eigenes Netzwerk, die Kunst. Sehet, erlebet und staunet. Seid Zeuge der größten Show seit dem Comeback von Lazarus. Vieles kommt auf Euch zu, nur wenig liegt bereits hinter Euch.
Ein Künstler darf nicht nach Hause gehen, denn daheim wird er so verstanden, wie er verstanden werden will. Und das ist ganz, ganz schlecht für die Kunst, die doch eigentlich die große Unerreichbare, Unverständliche sein sollte. Je weniger auf einem Bild zu erkennen ist, desto besser.
Es geht darum, auch mal was zu machen, was den Kopf anregt, nicht immer nur angibt. Wer still vor sich hinblödelt, bleibt zeitlebens Alleinunterhalter. Man muß den Menschen die Kunst an den Kopf knallen, abknallen, flachlegen. Ich habe keine Zeit, bis nach meinem Tod zu warten, die gängigen Rezeptionswege funktionieren nicht mehr, nach van Gogh und Kafka wurde die Straße ins posthume Glück unterspült, also gebt mir besser schon jetzt, was des Kaisers ist: eine Besenkammer auf Lebenszeit und die Weihnachtsfeier vom FC Bayern.
Es ist doch klar, worum es hier geht, denn bekanntlich ist Geld noch immer das Schmiermittel Nummer eins für Schmierenkomödianten aller Art. Und freilich, auch ich kann es gut gebrauchen, für Miete Strom Gas.
Ich gebe der Welt, Euch, etwas und erwarte dafür auch retour. Und da wird was kommen, ganz sicher. Womöglich Anerkennung, noch wahrscheinlicher jedoch auf die Fresse. Egal, Hauptsache Feedback, Reaktion, reaktionärer Katzendreck.
Bis dahin: Große Reden schwingen. Im Vorbeigehen mal eben Jimi Hendrix, Kurt Cobain und all die anderen Säulenheiligen dissen. Indem man verkündet: Musik ist eine höhere Gabe der Götter. Damit spielt man nicht. Und wer es doch tut, der stirbt jung.
Und dann ganz trocken wie Fela Kuti nur in einer Badehose auftreten.
Es arbeitet, es brodelt, es donnert, es spratzt, es sprotzt. Da ist noch vieles in mir, und das muß raus, und ich rede jetzt nicht von Kacken. Es tut, es macht, es werkelt, es klöppelt, und die Welt wird Zeuge sein, auch Modell stehen müssen.
Die Querverweise seht Ihr nicht, und doch sind sie da. Ich spinne mich wie Tegler ein in mein eigenes Netzwerk, die Kunst. Sehet, erlebet und staunet. Seid Zeuge der größten Show seit dem Comeback von Lazarus. Vieles kommt auf Euch zu, nur wenig liegt bereits hinter Euch.
Ein Künstler darf nicht nach Hause gehen, denn daheim wird er so verstanden, wie er verstanden werden will. Und das ist ganz, ganz schlecht für die Kunst, die doch eigentlich die große Unerreichbare, Unverständliche sein sollte. Je weniger auf einem Bild zu erkennen ist, desto besser.
Es geht darum, auch mal was zu machen, was den Kopf anregt, nicht immer nur angibt. Wer still vor sich hinblödelt, bleibt zeitlebens Alleinunterhalter. Man muß den Menschen die Kunst an den Kopf knallen, abknallen, flachlegen. Ich habe keine Zeit, bis nach meinem Tod zu warten, die gängigen Rezeptionswege funktionieren nicht mehr, nach van Gogh und Kafka wurde die Straße ins posthume Glück unterspült, also gebt mir besser schon jetzt, was des Kaisers ist: eine Besenkammer auf Lebenszeit und die Weihnachtsfeier vom FC Bayern.
Es ist doch klar, worum es hier geht, denn bekanntlich ist Geld noch immer das Schmiermittel Nummer eins für Schmierenkomödianten aller Art. Und freilich, auch ich kann es gut gebrauchen, für Miete Strom Gas.
Ich gebe der Welt, Euch, etwas und erwarte dafür auch retour. Und da wird was kommen, ganz sicher. Womöglich Anerkennung, noch wahrscheinlicher jedoch auf die Fresse. Egal, Hauptsache Feedback, Reaktion, reaktionärer Katzendreck.
Bis dahin: Große Reden schwingen. Im Vorbeigehen mal eben Jimi Hendrix, Kurt Cobain und all die anderen Säulenheiligen dissen. Indem man verkündet: Musik ist eine höhere Gabe der Götter. Damit spielt man nicht. Und wer es doch tut, der stirbt jung.
Und dann ganz trocken wie Fela Kuti nur in einer Badehose auftreten.
Samstag, 11. August 2007
Mandy
Sie sah ein bißchen aus wie Avril Lavigne, nur nicht so stolz, sondern vielmehr angenehm schüchtern. Am Anfang mochte ich ihre wohltuende Ruhe. Sie war nicht so hysterisch und aufgedreht wie die anderen Mädels, mit denen ich mich zu dieser Zeit sonst so verabredete.
Ihr Therapeut, so eröffnete sie mir, hatte ihr gesagt, es wäre jetzt langsam an der Zeit, endlich Männer zu treffen. Ich war einer der ersten, der auf ihre leicht kryptische Kontaktanzeige reagiert hatte.
Es war im September. Wir hatten verabredet, auf das Oktoberfest zu gehen. Ich war da. Nur Mandy kam nicht.
Zwei Tage später rief sie an, sie klang sehr verlegen und entschuldigte sich bei mir. Sie erklärte, es hätte sie im letzten Moment der Mut verlassen, die ganzen fremden Menschen und all das. Da hätte sie auf einmal totale Beklemmungen bekommen.
Na, macht ja nichts.
Ein paar Tage später dann unser zweiter Versuch, ein Spaziergang entlang der Isar. Diesmal klappte es. Der Himmel war grau, doch es blieb trocken.
An einer entlegenen Stelle sagte sie mir: Ich mag die Einsamkeit. Auch die Natur finde ich sehr schön, obwohl sie grausam ist, manchmal. Es sind die Leute, mit denen ich nicht zurechtkomme.
Zwischen unsere wenigen Sätze schoben sich immer wieder lange Pausen, oft auch minutenlanges betretenes Schweigen.
In der Nähe der Großhesseloher Brücke meinte sie dann: Da wollte ich auch mal runterspringen.
Fünf Stunden waren wir an diesem Tag zusammen, Zeit genug für sie, mir ihre ganze traurige Lebensgeschichte zu erzählen.
Schon als Kind hatte sie kaum Anschluß gefunden, sie war nach der Schule oft allein zuhaus, Schlüsselkind, malte viel oder las.
Als Teenager war sie dann vom besten Freund ihres Vaters vergewaltigt worden. Anfangs war er sehr nett zu ihr gewesen, aufmerksam auch, hatte sie ausgeführt, wie eine Erwachsene behandelt. Das fand sie schön, diese Beachtung, das kannte sie vorher nicht.
Nach ein paar Wochen begannen seine ersten Annäherungsversuche. Er fing damit an, sie immer öfter zu bedrängen, wollte sie küssen und mehr. Sie wollte das alles nicht, doch traf sich weiterhin mit ihm. Auf dem Heimweg, nach einem gemeinsam besuchten Orgelkonzert, geschah es dann.
Etwas in ihr zerbrach. Sie konnte sich keinem anvertrauen. Es folgten ein paar halbherzige Selbstmordversuche.
Die erste Diagnose: Depression. Danach hieß es: Borderline-Syndrom. Die Eltern schleppten sie weiter von Arzt zu Arzt, irgendwann stellte einer fest: Soziale Phobie.
Manchmal wüßte sie einfach nicht mehr weiter, das Leben hätte sie so müde gemacht. Unzählige Therapien. Ein abgebrochenes Kunststudium. Und jetzt sie und ich, hier an der Isar.
Eine Woche nach unserem Spaziergang wurde sie in die Psychiatrie eingewiesen, weil sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, nicht zum ersten Mal.
Ich wollte sie besuchen, weil ich mich irgendwie verantwortlich für sie fühlte. Die Ärzte ließen mich nicht zu ihr. Ich sei ja kein Verwandter.
Ihr Therapeut, so eröffnete sie mir, hatte ihr gesagt, es wäre jetzt langsam an der Zeit, endlich Männer zu treffen. Ich war einer der ersten, der auf ihre leicht kryptische Kontaktanzeige reagiert hatte.
Es war im September. Wir hatten verabredet, auf das Oktoberfest zu gehen. Ich war da. Nur Mandy kam nicht.
Zwei Tage später rief sie an, sie klang sehr verlegen und entschuldigte sich bei mir. Sie erklärte, es hätte sie im letzten Moment der Mut verlassen, die ganzen fremden Menschen und all das. Da hätte sie auf einmal totale Beklemmungen bekommen.
Na, macht ja nichts.
Ein paar Tage später dann unser zweiter Versuch, ein Spaziergang entlang der Isar. Diesmal klappte es. Der Himmel war grau, doch es blieb trocken.
An einer entlegenen Stelle sagte sie mir: Ich mag die Einsamkeit. Auch die Natur finde ich sehr schön, obwohl sie grausam ist, manchmal. Es sind die Leute, mit denen ich nicht zurechtkomme.
Zwischen unsere wenigen Sätze schoben sich immer wieder lange Pausen, oft auch minutenlanges betretenes Schweigen.
In der Nähe der Großhesseloher Brücke meinte sie dann: Da wollte ich auch mal runterspringen.
Fünf Stunden waren wir an diesem Tag zusammen, Zeit genug für sie, mir ihre ganze traurige Lebensgeschichte zu erzählen.
Schon als Kind hatte sie kaum Anschluß gefunden, sie war nach der Schule oft allein zuhaus, Schlüsselkind, malte viel oder las.
Als Teenager war sie dann vom besten Freund ihres Vaters vergewaltigt worden. Anfangs war er sehr nett zu ihr gewesen, aufmerksam auch, hatte sie ausgeführt, wie eine Erwachsene behandelt. Das fand sie schön, diese Beachtung, das kannte sie vorher nicht.
Nach ein paar Wochen begannen seine ersten Annäherungsversuche. Er fing damit an, sie immer öfter zu bedrängen, wollte sie küssen und mehr. Sie wollte das alles nicht, doch traf sich weiterhin mit ihm. Auf dem Heimweg, nach einem gemeinsam besuchten Orgelkonzert, geschah es dann.
Etwas in ihr zerbrach. Sie konnte sich keinem anvertrauen. Es folgten ein paar halbherzige Selbstmordversuche.
Die erste Diagnose: Depression. Danach hieß es: Borderline-Syndrom. Die Eltern schleppten sie weiter von Arzt zu Arzt, irgendwann stellte einer fest: Soziale Phobie.
Manchmal wüßte sie einfach nicht mehr weiter, das Leben hätte sie so müde gemacht. Unzählige Therapien. Ein abgebrochenes Kunststudium. Und jetzt sie und ich, hier an der Isar.
Eine Woche nach unserem Spaziergang wurde sie in die Psychiatrie eingewiesen, weil sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, nicht zum ersten Mal.
Ich wollte sie besuchen, weil ich mich irgendwie verantwortlich für sie fühlte. Die Ärzte ließen mich nicht zu ihr. Ich sei ja kein Verwandter.
Samstag, 4. August 2007
Terminieren geht über studieren
Die jungen Dinger im Versammlungssaal 2 A waren schon ganz aufgeregt. Man hatte sie busweise angekarrt und ihnen versprochen, daß hier ein Fernsehcasting stattfinden würde. Manche von ihnen waren noch nicht einmal mit der Schule fertig, doch auf jeden Fall wollten sie alle, das ließ sich ihren ehrgeizigen Blicken bereits deutlich entnehmen, früher oder später beruflich mal irgendwas mit Medien machen.
In diesem Augenblick schwang endlich die große Tür am Ende des Saals auf. Mehr als zweitausend Augenpaare richteten sich auf den soeben Eingetretenen. Zur Überraschung aller handelte es sich dabei aber weder um Dieter Bohlen noch Nina Hagen noch Bruce Darnell. Nein, es war der Terminator, der nun leibhaftig vor ihnen stand.
Nun gut, dachten da einige der Mädchen bereits unsicher, vielleicht werden wir ja für eine Stuntschule gecastet, das soll uns auch recht sein. Viel weiter kamen sie in ihren Überlegungen nicht mehr, denn in dieser Sekunde begann das große Blutbad.
Mit der Uzi hielt der Terminator souverän auf all die niedlichen verschmusten blonden Mädchen, die dachten, es sei irgendwie rockig und total crazy unangepaßt, Band-T-Shirts von wimmernden musizierenden Emo-Wichten mit Überohrfrisuren zu tragen und einen hübschen jungen Mann mit unschöner Regelmäßigkeit als Sahneschnitte zu titulieren.
Der sweet sweet Sexismus ist so höllisch schwer aus den Köpfen herauszubekommen, dachte der Terminator einen Moment lang und wurde darüber traurig. Doch dann munterte ihn ruckzuck wieder das schöne, verläßliche Stampfen und Rattern des Maschinengewehrs auf.
Durch Meere von Blut waten wir hin zu einer besseren Welt, das hatte früher schon immer seine hochverehrte Frau Mama gesagt, wenn sie im Badezimmer stand und über der Wanne ein Schwein abstach oder einer Gans den Hals umdrehte. So ein ländlicher Background prägt einfach, und darum würde der Terminator wohl auch auf immer und ewig tief in seinem Metallherzen ein Buam von der Alm bleiben.
Als die jungen Körper zerborsten, das bißchen Gehirn verspritzt und von den adretten Gesichtchen nicht mehr viel Ansehnliches übriggeblieben war, verstarb auch abrupt der Sound des Gewehrfeuers.
Sicherlich, es war eine ziemliche Schweinerei, die er hier angerichtet hatte, aber schließlich gibt es manches auf der Welt, was einfach getan werden muß. Das hatte vor ihm schon Lars von Trier durchexerziert und so sonderlich Unrecht damit auch gar nicht gehabt.
Apropos nervtötende europäische Autorenfilmer: Die waren morgen dran, in Versammlungssaal 3 D.
Darauf freute sich der Terminator schon ganz besonders.
In diesem Augenblick schwang endlich die große Tür am Ende des Saals auf. Mehr als zweitausend Augenpaare richteten sich auf den soeben Eingetretenen. Zur Überraschung aller handelte es sich dabei aber weder um Dieter Bohlen noch Nina Hagen noch Bruce Darnell. Nein, es war der Terminator, der nun leibhaftig vor ihnen stand.
Nun gut, dachten da einige der Mädchen bereits unsicher, vielleicht werden wir ja für eine Stuntschule gecastet, das soll uns auch recht sein. Viel weiter kamen sie in ihren Überlegungen nicht mehr, denn in dieser Sekunde begann das große Blutbad.
Mit der Uzi hielt der Terminator souverän auf all die niedlichen verschmusten blonden Mädchen, die dachten, es sei irgendwie rockig und total crazy unangepaßt, Band-T-Shirts von wimmernden musizierenden Emo-Wichten mit Überohrfrisuren zu tragen und einen hübschen jungen Mann mit unschöner Regelmäßigkeit als Sahneschnitte zu titulieren.
Der sweet sweet Sexismus ist so höllisch schwer aus den Köpfen herauszubekommen, dachte der Terminator einen Moment lang und wurde darüber traurig. Doch dann munterte ihn ruckzuck wieder das schöne, verläßliche Stampfen und Rattern des Maschinengewehrs auf.
Durch Meere von Blut waten wir hin zu einer besseren Welt, das hatte früher schon immer seine hochverehrte Frau Mama gesagt, wenn sie im Badezimmer stand und über der Wanne ein Schwein abstach oder einer Gans den Hals umdrehte. So ein ländlicher Background prägt einfach, und darum würde der Terminator wohl auch auf immer und ewig tief in seinem Metallherzen ein Buam von der Alm bleiben.
Als die jungen Körper zerborsten, das bißchen Gehirn verspritzt und von den adretten Gesichtchen nicht mehr viel Ansehnliches übriggeblieben war, verstarb auch abrupt der Sound des Gewehrfeuers.
Sicherlich, es war eine ziemliche Schweinerei, die er hier angerichtet hatte, aber schließlich gibt es manches auf der Welt, was einfach getan werden muß. Das hatte vor ihm schon Lars von Trier durchexerziert und so sonderlich Unrecht damit auch gar nicht gehabt.
Apropos nervtötende europäische Autorenfilmer: Die waren morgen dran, in Versammlungssaal 3 D.
Darauf freute sich der Terminator schon ganz besonders.
Samstag, 28. Juli 2007
Neidische Leichen
Sommer ist in der Stadt, Leute drehen durch. Erst gestern erzählte mir eine Krankenschwester, Mitte 30, einen Schwank aus ihrer Jugend, ach pardon: gar nicht wahr, doch nur vom letzten Jahr.
Sie meinte so zu mir: Im letzten Winter hatte ich einen Patienten an der Nierenmaschine, einen netten, alten Herrn, der war 92 Jahre alt. Und dieser liebe Mann starb in der Woche vor Weihnachten in meinen Armen, mit seiner Hand in meinem Höschen.
Dabei lächelte sie scheu. Kurzfristig war ich bei dem Gedanken an das Beschriebene etwas neidisch auf den Toten, bis ich begriff, daß das Unsinn ist: die Toten beneiden, wo kommen wir denn da hin?
Ist doch eh allen klar, daß die eigentliche Richtung umgekehrt verlaufen sollte – DIE müßten UNS beneiden, weil wir leben, weil wir im Sommer hübschen Mädchen hinterherkucken können, die kurze Röcke tragen, weil wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, daß unser Verein doch noch mal irgendwann Deutscher Meister wird und daß es mit der einen Frau, denn eine gibt es immer, das ist wissenschaftlich bewiesen, daß mit der doch noch alles ein gutes Ende nimmt, auch wenn es danach echt nicht aussieht momentan.
Auf den Friedhof kommen wir alle miteinander eh früh genug, schlafen, so lautete ein schwer bescheuerter Spruch von Fassbinder, kann man immer noch, wenn man tot ist, was Blöderes hat man selten gehört, mit Ausnahme des anderen unmöglichen Satzes von, ja, genau, schon wieder RWF höchstselbst, der sich ungeniert zur medizinischen Koryphäe verstieg, weil er meinte, den Schlüssel zum Begreifen der weiblichen Migräne erlangt zu haben.
Die Pointe erspare ich mir, die ist an jedem bundesdeutschen Stammtische besser aufgehoben als hier an diesem Ort des Wahren, Guten und Schönen. Des Textes. Der sich in dunklen Gassen mit zwielichtigen Gestalten trifft, die ihn bezahlen oder eben auch nicht. Den Toten eigentlich gar nicht so unähnlich.
Gibt es überhaupt Stammtische im Jenseits?
Sie meinte so zu mir: Im letzten Winter hatte ich einen Patienten an der Nierenmaschine, einen netten, alten Herrn, der war 92 Jahre alt. Und dieser liebe Mann starb in der Woche vor Weihnachten in meinen Armen, mit seiner Hand in meinem Höschen.
Dabei lächelte sie scheu. Kurzfristig war ich bei dem Gedanken an das Beschriebene etwas neidisch auf den Toten, bis ich begriff, daß das Unsinn ist: die Toten beneiden, wo kommen wir denn da hin?
Ist doch eh allen klar, daß die eigentliche Richtung umgekehrt verlaufen sollte – DIE müßten UNS beneiden, weil wir leben, weil wir im Sommer hübschen Mädchen hinterherkucken können, die kurze Röcke tragen, weil wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, daß unser Verein doch noch mal irgendwann Deutscher Meister wird und daß es mit der einen Frau, denn eine gibt es immer, das ist wissenschaftlich bewiesen, daß mit der doch noch alles ein gutes Ende nimmt, auch wenn es danach echt nicht aussieht momentan.
Auf den Friedhof kommen wir alle miteinander eh früh genug, schlafen, so lautete ein schwer bescheuerter Spruch von Fassbinder, kann man immer noch, wenn man tot ist, was Blöderes hat man selten gehört, mit Ausnahme des anderen unmöglichen Satzes von, ja, genau, schon wieder RWF höchstselbst, der sich ungeniert zur medizinischen Koryphäe verstieg, weil er meinte, den Schlüssel zum Begreifen der weiblichen Migräne erlangt zu haben.
Die Pointe erspare ich mir, die ist an jedem bundesdeutschen Stammtische besser aufgehoben als hier an diesem Ort des Wahren, Guten und Schönen. Des Textes. Der sich in dunklen Gassen mit zwielichtigen Gestalten trifft, die ihn bezahlen oder eben auch nicht. Den Toten eigentlich gar nicht so unähnlich.
Gibt es überhaupt Stammtische im Jenseits?
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