Samstag, 21. Juli 2007

Rap und ich sind Freunde (nach wie vor)

Es sind schon fürwahr komische Zeiten, in denen unsereiner die Tage seines Lebens verbringen muß.
Rechthaberische „Tagesspiegel“-Feuilletonisten beenden ihre Artikel über den reunierten Freundeskreis mit einem verbalen Säbelhieb: „Der deutsche Hiphop ist in einem jämmerlichen Zustand.“
Das vor den Latz geknallt zu bekommen tut denen, die Rap und seine Kultur wirklich lieben (und dazu zähle ich mich), wohl in etwa so weh wie den Hinterbliebenen eines Verstorbenen, die in einem gehässigen Nachruf in der Zeitung über den Betrauerten das unverschämte Fazit lesen müssen: „Er war kein guter Mensch.“
Überhaupt fällt auf, daß die Berichterstattung über Altvordere wie die Fantastischen Vier oder Dendemann nur noch selten ohne die gleichzeitige Totalabgrenzung von der aggressiven jungen Berliner Szene auskommt.
Anstatt sich auf die Stuttgarter Kolchose selbst zu konzentrieren, nehmen gefrustete Existenzen das Wiederauftauchen und die Comebacks der verdienten 90er-Jahre-Recken immer wieder zum Anlaß, auf alles und jeden zu schießen, der vor der Ergreifung des Mikrofons nicht mindestens fünf Semester Philosophie studiert hat.
Sie trauern dem idealisierten Bild ihres ungelenken Helmut-Kohl-Ära-Reihenhaussiedlungs-Spaßrap hinterher – und somit in Wahrheit eigentlich nicht der Musik selbst, sondern nur ihrer Jugend.
Das Problem, welches Menschen wie ich haben, die mit dieser Kultur groß geworden und noch immer nicht bereit sind, sie einfach so beim spätestens dritten Hahnenschrei zu verleugnen, ist, daß der arme, oft gescholtene HipHop sich nicht mal wehren kann. Jeder darf alles über ihn behaupten.
Ich aber sage Euch, Rap in Deutschland ist still okay, ja, mehr sogar noch: er war nie lebendiger, vielschichtiger und wertvoller als heute.
Der deutsche Rap von heute besitzt alles, was man sich von Subkultur und Pop überhaupt nur wünschen kann: den Drang nach Rebellion und Veränderung, Angriffslust, soziale Wachheit, Spaß und Humor, Härte und Intelligenz. Die Mittelschichts-Monokultur der 90er ist einer wundervollen, facettenreichen Vielfalt gewichen.
Wer den vermeintlich guten alten Zeiten hinterhertrauert, ist nur zu faul, nach den für ihn noch immer relevanten Aspekten (die es weiterhin gibt) zu suchen. Früher lief A-N-N-A bei MTV, heute Frauenarzt, und das ärgert den landläufigen Meinungsgnom, der es nicht ertragen kann, wie bildungsferne Schichten eben die Musik zurückerobern, welche eigentlich von Anfang an genau für sie gedacht war.
Pseudointellektuelle bolzen gegen den Berliner Atzen-Rap, rudern aber gleichzeitig in ihren von schäbigsten Vorurteilen verblendeten Artikeln gleich auch immer wieder verbal ein Stück weit zurück, faseln dann was vom kalten sozialen Klima, welches ja solche verwahrlosten Zustände und sexistischen, gewaltbereiten und homophoben Menschen erst geschaffen habe – nur um ja nicht von abschätzig betrachteten Gestalten wie Massiv, MC Bogy oder MOK bei nächster Gelegenheit was aufs Maul zu kriegen.
Genau die aber wird das differenzierende „Einerseits / Andererseits“ wohl wenig interessieren, die lesen nur die Beleidigungen gegen sich heraus und pfeifen auf den restlichen soziologischen Überbau – wie ja auch die Hells Angels Mitte der 60er Jahre mit blanker Verwunderung auf das reagierten, was Hipster wie Ken Kesey oder Allen Ginsberg in ihre pöbelnde, bierselige No-Future-Bewegung auf Biegen und Brechen hineininterpretieren wollten.
Gerade der mediale und bildungspolitische Zirkus, der noch immer um Arschficksong und Verrohung der Jugend, schwulenfeindliche Texte und Gewaltpropagierung gemacht wird, beweist doch, daß HipHop noch lange nicht tot ist, sondern weiterhin enorme Sprengkraft besitzt – und somit zu Recht die legitime Nachfolge seiner inzwischen mehr als harmlos gewordenen großen Brüder Rock’n’Roll und Punk angetreten hat.
Der Rap von der Straße zeigt dem erschreckten Bürgertum die häßliche (sub-)proletarische Fratze einer Gegenwelt, welche dieses gerne aus seiner Wahrnehmung verbannen würde. Ghettos in Deutschland? Undenkbar, wenn man in der Zehlendorfer Stadtvilla wohnt. Würde man sich jedoch mal die Mühe machen, zwanzig Minuten mit der U-Bahn statt immer nur mit dem Audi zu fahren, rüber nach Neukölln oder in den Wedding, dann bekäme man schnell eine Vorstellung davon, wieso die jungen Leute sich ausgerechnet so artikulieren, wie sie es in ihrer Musik tun.
Es geht mir gar nicht darum, jeden noch so strunzdoofen Vertreter des Genres um jeden Preis zu verteidigen. Ein Machwerk wie „Keine Toleranz“ von Boss A und G-Hot etwa ist in der Tat unter aller Sau (spiegelt aber gerade dadurch die Meinung eines erschreckend großen Teils der heutigen Jugend leider ziemlich genau wieder). Das sind keine edlen Wilden, sondern bloß dumme Menschen mit häßlicher, inakzeptabler Weltanschauung.
Wichtig ist mir nur eins: die Verhältnismäßigkeit der Reportagen und Artikel – und gerade die ist in den sensationsgeilen deutschen Medien, was Rap anbelangt, schon lange nicht mehr gegeben.
Daß der bisher beste und sachlichste Artikel über die Berliner Untergrund-Szene mitnichten in den Hochburgen des vermeintlich anspruchsvollen Journalismus, sondern ausgerechnet in der nicht eben HipHop-affinen Studentenpostille „SPEX“ erscheinen mußte, spricht dabei ebenso Bände.

Samstag, 14. Juli 2007

Erinnerungssplitter

Die letzten Wochen waren nicht leicht, für keinen von uns.
Sarkozy nimmt drei Stufen auf einmal, ist anschließend außer Atem, schwitzt, grinst sich einen vor der Pressemeute und bekommt einen Schluckauf. Nachher heißt es, er sei betrunken gewesen. Dabei ist der gute Mann bloß unsportlich wie die Nacht. Und somit schon wieder schwer sympathisch.
Andere haben deutlich weniger Glück, denen nutzt auch ihr Charme nichts mehr. Die sitzen monatelang im türkischen Knast, wo der Midnight Express grüßen läßt, bloß weil sie mit einem vier Jahre jüngeren Mädchen geschmust haben. Herrgotthimmelarsch, meine letzte Freundin war ganze sieben Jahre jünger als ich, komme ich deshalb jetzt in die Hölle? Nun, wahrscheinlich schon.
Apropos junge Mädchen, da fällt mir glatt folgender Witz ein: Die 13jährige Tochter kommt zu ihrer Mama und will die Pille. Die Mutter darauf völlig entsetzt: Aber, Kind, wieso denn? Antwort der Tochter: Na ja, es ist jetzt zwei Jahre gut gegangen, und man soll sein Glück nicht überstrapazieren...
Doch mal im Ernst: Bevor William Shatner zu Captain Kirk wurde, drehte er einen Film namens Frühreife Generation. Das war vor über 45 Jahren. Schon damals lebten die Eltern hinterm Mond. The times they are a-changin’? Leider manchmal nicht schnell genug. Denn hier geht’s nun mal nicht um Mißbrauch, sondern bloß um einen Urlaubsflirt.
Unzucht mit Minderjährigen? Ja klar, schlimme Sache. Noch schlimmer aber: Eltern, die ihr schlechtes Gewissen bekämpfen, indem sie hinterher zur Polizei rennen, anstatt vorher lieber mal ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen. Stellt ihr euch anschließend scheinheilig vor die Fernsehkameras und heult rum: Sie ist doch noch ein Kind, schluchz schluchz, dann habt ihr aber auch davor gefälligst dementsprechend auf sie zu achten und aufzupassen.
Überhaupt: daß ausgerechnet DIE sich über das sexuelle Erwachen ihrer Kinder echauffieren – was Lächerlicheres gibt es doch gar nicht. Weil, ich sag mal so: Ihr habt selbst alle gefickt – oder wo kommen sonst eure Sprößlinge her? Es ist the same old story: Wasser predigen, Wein saufen, die olle Mumpe seit tausend Jahren.
Die BILD-Fraktion wirft der Türkei unterdessen so einiges vor, barbarische Zustände etc. Dabei will die Türkei doch nur allen beweisen, was für ein guter westlicher Rechtsstaat sie ist, mit ordentlichen Verfahren und allem Pi und Pa und Po. Bei den Fundamentalisten hätte es das alles nicht gegeben, die hätten wohl bereits die Strafanzeige nicht verstanden: 13 Jahre und Sex – ja und, wo ist das Problem? Nicht von ungefähr war die Braut des Propheten bei der Eheschließung erst acht Jahre alt.
Bevor deshalb jetzt aber die ersten Morddrohungen eintrudeln, machen wir uns zum Ausgleich lieber noch schnell ein paar andere Feinde und verkünden: Polen ist der Iran Europas. Nur, daß Ahmadinedschad nicht noch einen durchgeknallten Zwillingsbruder hat, sondern seine ganzen antiwestlichen Drohungen allein ausstoßen muß.
Ansonsten erinnere ich mich noch an dies und das: Beim Poker schlug ich sie alle, bloß weil sie am Spieltisch den Kopf verlieren, keine Geduld haben. All-in? Dein Pech. Mein Blatt ist besser. Drum her mit der Kohle. Sie hängen zwar den ganzen Tag am PC, doch brechen im wahren Leben sofort zusammen. Ts, ts, ts, diese Kinder.
Auch an anderen Orten scheint sich Erfahrung wieder auszuzahlen. Es ist nämlich so, daß die Rentner aktuell in die Kinos zurückkehren. Allerdings nicht als Zuschauer, sondern lieber gleich auf die Leinwand. Stallone, Bruce Willis, demnächst auch wieder Indiana Jones. Kommen und nehmen den jungen Leuten die Arbeitsplätze weg – also Vin Diesel etwa oder Jason Statham. Trotzdem, ich freu mich drüber. Nostalgie und Selbstironie waren schon immer ein süßes Pärchen, findet ihr nicht?
Im Garten saßen zeitgleich ein paar Glatzen. Riefen: Hier säuft der nationale Widerstand. Ich ließ sie.
Oben in Berlin gibt es Zoff wegen eines Musikvideos, das zu Gewalt gegen Polizisten aufruft. Der Rahmen der künstlerischen Freiheit sei hier klar überschritten worden. In einem Land, in dem die Freiheit der Kunst allerdings Grenzen kennt und in einen Rahmen gezwängt wird, will ich nicht leben.
Und dann hab ich noch die Autogrammstunde von Avril Lavigne verpaßt. Schade. Doch was soll’s? Sie ist ja eh schon verheiratet. Kommen wohl auch noch andere. Denn die 13jährigen sterben bekanntlich nie aus.

Samstag, 7. Juli 2007

Erstes Halbjahr 2007

Die Academy Awards. AC Mailand. Algerien. Anja Paerson. Anna Nicole Smith. Avril Lavigne.
Barack Obama. Beyonce Knowles. Blacksburg. Blood Diamond. Blumen. Boris Jelzin. Britney Spears.
Cameron Diaz. Cannes. Carl von Linné. Das chinesische Neujahr.
David Beckham. Dixie Chicks. Drachen. Dreamgirls. Drew Barrymore. DVD.
Earth Day. Emma Watson. Eurovision. Eva Longoria.
Fluch der Karibik. Ford Mustang. Forest Whitaker. Der Frühling.
Gerald Ford. Die globale Erwärmung. Golden Globe. Grand Canyon. Guantanamo.
Halle Berry. Helen Mirren. Henrik Larsson. Hillary Clinton. Hund.
James Brown. Jeep. Johnny Depp.
Kelly Clarkson. Königstiger. Kurt Vonnegut. Kylie Minogue.
LeBron James. Libanon. Lindsay Lohan.
Madonna. Mahmud Abbas. Michael Jackson. Michael Moore. Mr. Bean. Die Mondfinsternis. Morgan Tsvangirai. Muhammad Ali. Muttertag.
Naturwald. Nicolas Sarkozy. Nordirland.
Ocean’s Thirteen. Die Oscar-Nominierungen. Ostereier.
Paris Hilton. Paula Abdul. Peyton Manning. Pingu.
Russell Crowe.
Schimon Peres. Schmetterling. Ségolène Royal. Shrek 3. Simbabwe. Somalia. Sommer. Sonnenuntergang. Spiderman 3. SpongeBob Schwammkopf. Stirb langsam 4.0. Stockholm. Super Bowl.
The Beatles. Tony Blair. Treibhauseffekt.
Valentinstag. Venezuela.
Der Weltfrauentag. Whitney Houston. Der Wii-Controller. Will Ferrell. Winnie Puh.

Samstag, 30. Juni 2007

Ein Mädchen, das weiß, was er will

Gestatten: Loletta. Acht Jahre alt, Tendenz steigend. Grundstimmung: skeptisch, aber süß. Ein echter Schnuckel, kann ich Ihnen versichern, werte Leserschaft. Und nun, nach dieser Exipedition, kann’s auch schon losgehen. Text ab, bitte.
Im Verkaufsraum tummelten sich die abgehalfterten Vorabendseriendarsteller. Der Steinbruch lag mittenmang nebenan.
Loletta, noch ungeübt im Gebrauch ihrer schönen langen Fingernägel, trat aus Versehen eine Sprudelflasche um. Regen prasselte auf das Vordach, pardon, richtig muß es natürlich heißen: Vorhaut. Denn Lolettas Herr Papa lag mal wieder nackig im Garten, FKK, freie Körper für freie Bürger. Braun würde er davon zwar nicht werden, aber immerhin rostig.
Mit ihrer buckligen Verwandtschaft hatte Loletta schon ein gutes Paket zu tragen. So ein kleines Mädchen und so viel Gepäck. Von den Gottschalk-Brüdern fehlte mal wieder jede Spur. Typisch. Auf nichts ist Verlaß, wenn man es mal braucht. Nicht mal auf das Verlassenwerden.
Egal, erst mal rübergemacht in die Küche, die sogenannte gute Stube. Muttern stand am Herd und kochte irgendwas mit Rübenkraut. Dazu Klänge aus dem Volksempfänger.
Dort im Radio dudelte soeben der neueste Foxtrot der amerikanischen Stimmungsmusikerin Rihanna. Ihre Unterhaltungskunst ließ freundliche Bilder von regennassen Straßen, pitschepatsche Füßen und groß genügenden Regenschirmen für Zwei vor dem geistigen, gichtigen Auge entstehen. Ella, ella, e, e. Schubidu.
Jedoch klang der dazugehörige Soundteppich mitnichten nach Swing in Paderborn, sondern mehr nach elektronischer Auslegeware, hart, kalt und zugeknallt. Das sollte die Liebe im 21. Jahrhundert sein? Loletta bekam es faustdick mit dem hartnäckigen Frösteln der frühen E-Milch zu tun. Halbfett, aber voll Emo.
Morgen war schon wieder ein Tag. Das Gewitter konnte kommen.

Freitag, 22. Juni 2007

Sadismus ist nur ein Wort

Kaltes Wasser macht wacher, warmes Wasser macht sauberer. Dazwischen gibt es nichts. Man kann nicht alles haben im Leben.
Und doch soll keiner sagen, man könne in diesem Puff nicht auch noch was lernen: So dürfte ab heute überall unterhalb meiner Leserschaft bekannt sein und als ebenso auch vorausgesetzt werden, daß Frankreich das touristisch am besten erschlossene und ausgelastete Land der Welt ist mit über 50 Millionen Spaten von Ganzweitdraußen und gerne auch mal Fremdher, die da jedes Jahr durch die Lande kreuchen.
Viel besser hat es da doch Südkorea. Das ist nämlich der Staat mit den weltweit meisten Mitgliedern in öffentlichen Bibliotheken. Über zwei komma eins Millionen Schlitzaugen lesen gerne Bücher, ohne sich diese dafür gleich kaufen zu müssen. Da kann man richtig was an Asche sparen. Schlaues Volk, yes indeed.
Und die Deutschen? Bleiben hinter all dem zurück. Machen langweilige rothaarige Mathematikstudentinnen aus Bayern zu ihren Aushängeschildern. Glauben jeden Scheiß. Selbst, wenn man, sich das Lachen nur mühsam verkneifend, salbadert: Modeln ist wirklich ein anstrengender Beruf. Knallhart ist das und total heavy, sag ich dir. Aber wem sag ich das? Teilweise kriegt man da als Model am Tag wirklich nur zehn Stunden Schlaf... Hihi. Aber lustig ist das alles nicht, denn wo die Frau zum Bundeswehroffizier geht, läßt der Rotarmist das letzte Fünkchen Hoffnung fahren.
Sadismus ist nur ein Wort. Und doch brauchen wir mehr Schmerz. Und diesen eimerweise. Tag für Tag. Immer her damit. Mehr, gib mir mehr. Gesegnet sei der, welcher uns den Schmerz gibt. Der uns erniedrigt durch und durch.
Nur die Hölle ist für unsereins gut. An allen anderen Orten ist nicht zu leben. Ohne das lodernde Feuer werden wir zu zart, werden womöglich gar noch zu Steinen.
Der Schmerz aber ist unsere Seele, unser Wesen, unser Blut, unser Geist, unser Gott.
Ja, der Schmerz selbst ist zu Gott geworden. Und das träge Fleisch wurde zur Liebe.
Da ist nichts mehr zu verstehen, man muß es schon glauben.

Freitag, 15. Juni 2007

Kein Mann für eine Nacht

Heute morgen stand etwas über mich in der Zeitung. Die Überschrift lautete: Deutsche Männer interessieren sich immer weniger für Sex. Yessir, so sieht’s mal aus.
Wer genau hinsieht, erkennt heutzutage an den Herren der Schöpfung deutlich einen neuen, aufregenden Trend: den hin zu einer neuen Prüderie. John Cassavetes wußte es schon immer, der war bereits in den 1960ern zu dem Schluß gekommen, daß jede Frau besser aussieht, wenn sie Klamotten anhat, als wenn sie nackig vor einem steht. Langsam sickert dieses Wissen nun auch in unsere Gesellschaft ein.
Die Frauen jedoch sehen gar nicht ein, warum sie sich plötzlich bedecken sollten. Sie haben schließlich jahrzehntelang verbissen dafür gekämpft, auch mal blank ziehen zu dürfen. Schlechte Manieren an den Tag legen, das erscheint ihnen heute als höchste Form der Emanzipation.
Eine Umfrage des Kondomherstellers Durex ergab: Jeder dritte Mann würde für Geld auf Sex verzichten – und das lebenslänglich. Ich reihe mich da gern ein, denn auch mir ist schon seit langem die Lust vergangen.
Drei Viertel aller Männer finden es in Ordnung, wenn im Bett mal weniger läuft. Bei den Damen sehen das hingegen nur 58 Prozent so. Gar jeder zweite Mann freut sich sogar mehr auf das Vorspiel als auf den Vollzug an sich. Und jeder Vierte knipst, wie zu Großmutters Zeiten, das Licht aus, wenn es zur Sache geht. Mann, übermüdet von der tagtäglichen medialen Bilderflut, will die Frauen auch gar nicht mehr sehen. Schließlich kennt er doch schon alles. Die holde Weiblichkeit aber will dies nicht auf sich sitzen lassen: Schon fordern 43 Prozent der Frauen energisch, daß er sie gefälligst nackt ansehen soll, so wie sie sind.
Und jeder fünfte Herr befürchtet gar, daß seine Partnerin öfter Sex haben will als er. Und womit? Mit Recht. Denn mit dem Rückzug der Männer geht zugleich ein Prozeß der gesteigerten Unverschämtheiten auf Seiten der Frauen einher, die immer aggressiver ihre sexuellen Wünsche artikulieren und regelrecht mit Schaum vor dem Mund auf ihren anvisierten Adonis losgehen, der es ihnen doch gefälligst besorgen soll. So zur Brust genommen, wundert es nicht, daß dem Knaben dann auch noch der letzte Rest der Libido schlagartig schwindet.
Die Frauen von heute beklagen sich darüber, noch nie von einem fremden, sympathisch wirkenden Mann angesprochen worden zu sein. Ihre Verwunderung darüber würde sich in Grenzen halten, wenn sie ab und an mal kritisch in den Spiegel schauen würden.
Gerade die jungen Dinger sind es, die sich nach den überkommenen Männlichkeitsbildern sehnen, welche ihre Mütter vor über dreißig Jahren endgültig in die emanzipatorische Tonne gekloppt haben. Am liebsten würden sie mal wie die Tiere rammeln wollen und von einer fleischgewordenen Naturgewalt, die sie erobert wie eine Großmacht einen Zwergstaat, vernascht werden.
Darauf können sie allerdings lange warten, denn Testosteronhengste gibt es nicht mehr. Die Männer sind jetzt einfühlsam und gelassen, sie können kochen und putzen und sind somit letzten Endes feminin.
Der gefühlsbetonte Bruce Darnell ist das Vorzeigemodell unserer Zeit und nicht mehr Arnold Schwarzenegger als grunzender Barbar Conan. Harter und dreckiger Analsex ist nicht mehr, die Dampframme hat ausgedient.
Männer machen nun das, was früher nur die Frauen taten: Sie lassen die Damen zappeln, lächeln scheu und locken sie erst an, um sie dann doch abzuweisen.
Mann sitzt bei der Madame daheim auf der Bettkante, sie hält es vor Erregung kaum noch aus und ist bereit, sich ihm hier und jetzt hinzugeben – da fällt ihm auf einmal ein, daß er sie jetzt, beim zweiten Date, vielleicht doch noch nicht ausziehen will, sondern erst mal in Ruhe kennenlernen, als Mensch.
Wer die jungen, modernen Herren von heute erobern will, dem muß klar sein: Ohne Gefühl geht es dabei nicht. Ihre Körper bekommt nur, wer auch ihr Herz will. Die Frauen werden sich darauf einstellen müssen.

Samstag, 9. Juni 2007

Im Vertrauen

Nach der Werbepause kamen welche zu mir, die wollten einen Artikel zur Weltlage. Ich machte mir keinen Reim drauf. Sondern tanzte lieber ein Gedicht.
Obacht, Titel folgt: Blauer Bock statt Schwarzer Block. Nun noch dazu Text: Putin doof, attac doof, Krieg böse, Bob Geldof geh weg. Gutmensch stinkt, Schlechtmensch trinkt. Das Letzte, was die Welt braucht, ist noch ein Konzert für Afrika. Wir sind Helden und ihr nicht. Hallo G8: Keiner will mit dir spielen. Hallo Demonstrant: Kein 18jähriger sollte sich einbilden, zu wissen, wie die Welt organisiert sein muß. Gedicht aus.
Danach plauderte ich mich in die Beliebigkeit.
Wo wir schon mal so gemütlich beisammensitzen, will ich euch eins verraten: Wir müssen uns Casanova als glücklichen Menschen denken. Ja wieso eigentlich? Nur wegen des Gesichtsausdrucks beim Nageln? Zugegeben, Jesus hatte dabei deutlich weniger Fun. Aber der war schließlich auch nicht zum Aktivurlaub nach Golgatha gepilgert. Trotzdem, trotz allem: ein alter Hut. Doch woher die neuen nehmen und nicht stehlen?
Selbst der olle Sgt. Pepper ist nun schon stramme 40 geworden. War damals schon eine ausgemachte Scheißplatte und ist es heute natürlich immer noch, wieso auch nicht? Und doch sitzt sie breitbeinig, selbstverliebt und dickärschig im verkommenen Pop-Kanon herum, haha, Pop-Kanon, ich lach mich tot, ein Widerspruch in sich, so wie schwarzer Schimmel oder politische Korrektheit oder ehrlicher Vorstandsvorsitzender.
Die Arriviertheit kommt und legt sich über alles, als wäre ihr Name Mehltau. Daß diese alte Brunze, Frau A., mit den Jahren unweigerlich über allem entsteht, und alle Leute sich deshalb daran zu gewöhnen versuchen, weil sie sich halt daran gewöhnen müssen, macht die Sache ja bloß noch trauriger und elender. Aktuell betreibt Paulchen aus Liverpool unsaubere Geschäfte mit Ahabs Kaffeerösterei. DJ Ötzi hätte das nicht nötig, ebenso wenig wie Scooter.
Mein Leben ruinieren, das kann ich inzwischen ganz gut selbst, und doch besitzt es einen gewissen Reiz, die Häscher vom Erschießungskommando vor den Büros der Musikzeitschrift aufmarschieren zu sehen.
Hat das jemand mitgeschrieben? Gut. Wenn nicht: noch besser.
Ein Mensch, der mich mag, kommt rüber und rät mir: Ach, liebes Schreiberlein, hör mir doch auf mit deinem Argumentationsspasmus.
Okay, das kickt, und ich will auch nicht so sein, meinetwegen, deinetwegen. Dann eben heute abend kein Text mehr. Und dafür doch Ping Pong.